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Genetische Vielfalt in der Nutztierhaltung ist trotz wachsendem Interesse weltweit gefährdet
Die Stiefelgeiss - eine von 13 Schweizer Ziegenrassen, die überlebt hat. Die Stiefelgeiss - eine von 13 Schweizer Ziegenrassen, die überlebt hat.
Laut dem neuesten Bericht der FAO wächst das Interesse an der Erhaltung der weltweiten Biodiversität von Nutztieren. Trotzdem schreitet die genetische Erosion weiter voran.
Nutztierhalter und politische Entscheidungsträgerinnen auf der ganzen Welt sind vermehrt daran interessiert, die tierische Biodiversität zu nutzen, um so die Produktion und die Ernährungssicherheit auf einem immer wärmeren, dichter bevölkerten Planeten sicherzustellen. Dies zeigt der neueste Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Die Behörde warnt jedoch, dass trotz dieses wachsenden Interessens viele wertvolle Tierrassen weiterhin gefährdet sind, und fordert stärkere Bemühungen zur nachhaltigen Nutzung des Genpools.

Die weltweite Gefährdung und der Sonderfall Schweiz
Laut des FAO-Berichts sind weltweit 17% aller landwirtschaftlich genutzten Tierrassen vom Aussterben bedroht. Der Risikostatus vieler anderer Rassen (58%) ist schlicht unbekannt, da keine Daten über die Grösse oder Struktur dieser Populationen vorliegen. Nur schon zwischen den Jahren 2000 und 2015 sind beinahe 100 Nutztierrassen ausgestorben. In der Schweiz sieht die Lage besser aus: Seit der Gründung von ProSpecieRara im Jahr 1982 sind keine Nutztierrassen mehr ausgestorben, da sich die Stiftung schon sehr früh landesweit für deren Erhalt einsetzte. Zahlreiche Rassen, die es hier früher gab, sind jedoch bereits vor dieser Zeit verschwunden (siehe PDF unten).

Gründe für die genetische Erosion
Die von der FAO analysierten Daten aus den verschiedenen Ländern legen den Schluss nahe, dass Kreuzen von Rassen, vor allem zu Produktionszwecken, der Hauptgrund für den Verlust der genetischen Vielfalt sind. Die daraus hervorgehenden, sogenannten Gebrauchskreuzungen kombinieren gute Eigenschaften verschiedener Rassen oder Schläge, stellen selber aber keine Rassen mehr dar. Hinzu kommen andere Gefahren für die genetische Vielfalt der Nutztiere: Es werden vermehrt nicht-heimische Rassen eingesetzt, welche die einheimische Vielfalt bedrängen, traditionelle Nutztierhaltungssysteme sind auf dem Rückgang und Rassen, welche als weniger wettbewerbsfähig gelten, werden vernachlässigt.
Europa, die Kaukasus-Region und Nordamerika sind die Gegenden der Welt, die den grössten Anteil an gefährdeten Rassen aufweisen. In einigen dieser Regionen ist die hochspezialisierte Nutztierhaltungsindustrie weit verbreitet, in welcher nur eine Kleinzahl verschiedener Rassen zum Einsatz kommt. In vielen Entwicklungsländern, vor allem in Südasien und Afrika, zeigt sich ebenfalls eine Zunahme der grossindustriellen Hochleistungslandwirtschaft. Aus der Sicht der Biodiversität ist das ein Grund zur Besorgnis: Diese Entwicklung geschieht auf Kosten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die traditionellerweise die breite genetische Vielfalt ihrer Region nutzt und somit zu deren Erhaltung beiträgt.

Wieso Biodiversität wichtig ist
Genetische Vielfalt stellt Landwirtinnen und Nutzierhaltern das Ausgangsmaterial zur Verfügung, das sie brauchen, um ihre Rassen züchterisch zu verbessern und so die Nutztierpopulationen an die sich verändernden Umweltbedingungen und Ansprüche anzupassen.
Laut FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva haben Nutztiere wie Schafe, Hühner und Kamele seit Tausenden von Jahren direkt zur Lebensgrundlage und zur Ernährungssicherheit für Millionen von Menschen beigetragen, was weltweit auch rund 70% der armen Landbevölkerung miteinschliesse. Genetische Vielfalt sei die Voraussetzung dafür, sich künftigen Herausforderungen stellen zu können, sagt der Generaldirektor weiter und äussert Zuversicht, dass der Bericht die erneuten Bestrebungen in diesem Bereich unterstützen wird: Die genetische Vielfalt der Nutztiere soll genutzt und weiterentwickelt werden, um die weltweite Ernährungssicherheit voranzubringen und auch zukünftigen Generationen zur Verfügung zu stehen.
Zu den bevorstehenden Herausforderungen gehören Klimaveränderungen, aufkommende Krankheiten, zunehmende Belastung für Land und Wasser sowie veränderte Marktnachfragen. Deshalb sei es wichtiger denn je, die genetische Vielfalt der Nutztiere zu erhalten und nachhaltig zu nutzen.
Zur Zeit werden weltweit 38 Nutztierarten und 8’774 verschiedene Vieh- und Geflügelrassen in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion genutzt.

Zunahme von Genbanken und verbessertes Management
129 Staaten nahmen an dieser neuen globalen Einschätzung der FAO teil. Die letzte Untersuchung fand vor beinahe einem Jahrzehnt statt. Die aktuellen Daten zeigten eine Verbesserung, sagt Beate Scherf, Co-Autorin des FAO-Berichts. Die Regierungen würden immer mehr erkennen, wie wichtig die genetische Vielfalt der Nutztiere sei, und ergriffen verstärkt Massnahmen. Als die FAO vor 10 Jahren ihren ersten weltweiten Bericht veröffentlichten, hatten weniger als 10 Staaten angegeben, über eine Genbank zu verfügen. Mittlerweile ist diese Zahl auf 64 angestiegen und 41 weitere Staaten haben eine solche in Planung.
Zusätzlich zu der zentralen Rolle der Genbanken betont Scherf die Wichtigkeit der in situ-Erhaltung. Die Haltung von lebenden Tieren in ihrer natürlichen Umgebung anerkennt nämlich auch den kulturellen und ökologischen Wert einer Rasse.

Risiken und Chancen des wachsenden globalen Handels mit genetischen Ressourcen
Der weltweite Handel mit Zuchttieren und Nutztiersamen nimmt derweil zu. Dies ermöglicht Züchtungen, die eine erhöhte Produktivität versprechen. Doch wenn Kreuzungen nicht sorgfältig geplant werden, besteht die Gefahr, dass erstens die Produktivität nicht wie gewünscht gesteigert wird und zweitens wertvolle Eigenschaften einer Rasse verloren gehen. Dazu zählt beispielsweise die besondere Anpassungsfähigkeit an Extremtemperaturen, an eingeschränkte Wasserversorgung, weniger hochwertiges Futter, raue Umgebungen, hohe Lagen und andere spezielle Umweltbedingungen.

Herausforderungen für die Verwaltung der genetischen Vielfalt
Um die Verwaltung der Nutztiervielfalt zu unterstützen, müssen die Rassen und ihr Umfeld besser beschrieben werden, fordert der Bericht. Genetische Ressourcen würden vielfach verloren gehen, indem mangelndes Wissen dazu führt, dass bestimmte Rassen vernachlässigt werden. Auch müsste mehr getan werden, um Populationentwicklungen und aufkommende Bedrohungen für die Diversität zu überwachen.


Zum Original-Artikel der FAO

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