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Let's Liberate Diversity! in Basel
Wie kann sichergestellt werden, dass bäuerliches Saatgut frei zugänglich bleibt? Wie werden Bewegungen, die dies anstreben, stärker? Mit welchen neuen Züchtungsmethoden operiert die globale Saatgutindustrie? Wie wird in den verschiedenen Ländern mit den seltenen Nutztierrassen umgegangen? Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigten sich die 180 Teilnehmer/-innen aus 30 Nationen am Forum Let’s Liberate Diversity! (LLD), welches vom 20. - 22. September in Basel stattgefunden hat.
Es sind beunruhigende Zeiten für die verschiedenen europäischen Erhalterorganisationen und Kleinbauernvereinigungen, welche sich am ProSpecieRara-Hauptsitz getroffen haben. Grosse Gruppierungen wie die IG Saatgut, die Via Campesina, das Reseau semences paysannes, die griechische Organisation Peliti, die österreichische Erhalterorganisation Arche Noah, ProSpecieRara aber auch Saatgutfirmen wie Bingenheimer Saatgut oder Sativa Rheinau und kleinere Bewegungen sehen mit grosser Beunruhigung der überarbeiteten EU-Saatgutgesetzgebung entgegen. Wird diese so umgesetzt, wie sie momentan besprochen wird, wird der Zugang zu lokalem Saatgut, welches diese Organisationen oft schon seit Jahrzehnten sammeln und erhalten, stark erschwert. Diese perfekt an die jeweiligen Bedingungen angepassten Sorten gehören zum kulturhistorischen Erbe, können selber vermehrt werden – und sind genau deshalb nicht im Fokus der grossen, einflussreichen Saatgutmultis und drohen darum auch von den Behörden vergessen zu werden. Am LLD-Forum wurden Erfahrungen aus den verschiedenen Ländern ausgetauscht und gemeinsame Strategien erarbeitet. Das Ziel, eine einheitliche, gemeinsame Stossrichtung zu definieren, wurde jedoch nur teilweise erreicht.

Politische Mühlen mahlen zu langsam
Neben der europäischen Saatgutgesetzgebung bewegt auch das „International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture (IT PGRFA)“ die Gemüter. Dieses Abkommen, welches zum Ziel hat, die pflanzengenetischen Ressourcen zu erhalten und nachhaltig zu nutzen, sowie den Austausch derselben zwischen den Ländern zu erleichtern und sicher zu stellen, ist bereits seit 2004 in Kraft. Umgesetzt, so kritisieren die Teilnehmer, wurde aber noch viel zu wenig. So wurden vor allem bei der Etablierung eines praxisbezogenen Systems für den Vorteilsausgleich (benefit sharing) noch kein wesentlicher Fortschritt erzielt und die vielen privaten Sammlungen pflanzengenetischer Ressourcen grosser Saatgutfirmen sind auch heute noch nicht Bestandteil des multilateralen Austauschsystems. François Pythoud, Leiter der Sektion Nachhaltige Landwirtschaft beim Bundesamt für Landwirtschaft und Vertreter der Schweiz beim IT PGRFA betonte jedoch, dass das Treaty ganz oben auf seiner Agenda stünde. Einige Organisationen haben das LLD-Forum dafür genutzt, ihre Positionen im Hinblick auf die internationale Konferenz zum IT PGRFA abzusprechen und flogen danach direkt in den Oman, wo die Konferenz vom 24. – 28. September stattfindet.

ProSpecieRara als Pionierin
ProSpecieRara als Gastgeberin liess die Partnerorganisationen von ihren Erfahrungen in verschiedenen Bereichen profitieren. So stellte die Stiftung ihr gut funktionierendes Label-System vor. Zusammen mit BioSuisse und IP Suisse, die ihre Biodiversitätsprogramme präsentierten, erhielten die Besucher einen tiefen Einblick in diejenigen Aspekte der Schweizer Landwirtschaft, die sich vor allem für die Förderung und Verbesserung der natürlichen und domestizierten Vielfalt auf den landwirtschaftlich bewirtschafteten Flächen einsetzen. Die etablierten Marken (die Knospe und Terra Suisse) haben Teile der von ProSpecieRara entwickelten Kriterien in ihr Gütesiegel-System integriert. Die Diskussion in der Arbeitsgruppe hat schnell aufgezeigt, dass die Schweiz damit ein einmaliges Regelsystem geschaffen hat, das für viele europäische Länder vorbildlich sein könnte.

Die Schweiz als Insel?
Immer wieder wurde betont, sowohl von Schweizer als auch von internationalen Teilnehmern, in welch privilegierter Lage sich die Schweiz befindet. Nicht nur sind bei uns die Kaufkraft und das Bewusstsein für die Problematik so gross, dass höherpreisige Spezialitäten aus seltenen Sorten und Rassen Käufer finden, wie am Beispiel des ProSpecieRara-Labels erklärt wurde, sondern die Schweizer Gesetzgebung ermöglicht auch Tätigkeiten, welche im EU-Raum verboten oder stark eingeschränkt sind. So z.B. wurde in der Schweiz die drohende Verschärfung der Saat- und Pflanzgutgesetzgebung bereits 2009 abgewendet. Dies auf Druck der Öffentlichkeit, die ihrem Unmut über die Begrenzung des Zugangs zu Landsorten in der von ProSpecieRara gestarteten Kampagne „Vielfalt für alle“ Ausdruck verliehen hat. Dennoch ist offen, inwiefern die Schweiz eine Verschärfung des EU-Saatgutrechtes früher oder später ebenfalls übernehmen würde bzw. müsste.
Gerade das Beispiel der EU-Saatgutregulierung hat deutlich gezeigt, dass es auf europäischer Ebene eine Organisation wie Let’s Liberate Diversity!, die unermüdlich versucht, den verschiedenen Positionen eine gemeinsame Plattform des Austausches zu bieten, unbedingt braucht. Wie überall, wo Leute mit viel Herzblut engagiert sind, ist die Findung eines gemeinsamen Konsens’ jedoch noch ausbaufähig.


Let’s Liberate Diversity!
Seit 2005 führen Exponenten des Netzwerkes „Let’s Liberate Diversity!“ (LLD) unter dem gleich-lautenden Titel ein Forum durch, das sich seither als Plattform für europäische Bauernorganisationen und Saatgutinitiativen etabliert hat. Die teilnehmenden Organisationen, darunter ProSpecieRara, eint die Sorge um die Erhaltung der Sortenvielfalt und den freien Zugang zu Saatgut. Das Netzwerk fördert den Austausch von Informationen, Wissen und Erfahrungen, stärkt nationale Saatgutinitiativen über eine europäische Vernetzung und vertritt gemeinsame Interessen gegenüber der EU-Kommission und weiteren internationalen Institutionen.


Let's Liberate Diversity! 2013 wurde durch das Bundesamt für Landwirtschaft unterstützt.


© ProSpecieRara, September 2013