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Jeden Monat stirbt weltweit eine Nutztierrasse aus
Wenn Rassen sterben, gehen Biodiversität und Kulturgut unwiderruflich verloren. ProSpecieRara wehrt sich dagegen. Nicht immer ist der Verlust so offensichtlich wie bei den Freiburgerkühen. Oft ist der Schwund der Vielfalt ein schleichender.
Die Hälfte der heute noch lebenen Schweizer Rassen sind bedroht
«Unglaublich, dass man in den 70er Jahren die Freiburgerkühe aussterben liess!»  Aussagen wie diese hört man nicht selten, wenn vom Verschwinden alter Rassen die Rede ist. Heute, denken viele, käme so etwas  nicht mehr vor. Aber Vorsicht! Befasst man sich mit den traditionellen Schweizer Rassen, fällt auf, dass von den 27 heute noch lebenden Pferde-, Rinder-, Schaf-, Ziegen- und Schweinerassen die Hälfte als gefährdet eingestuft werden muss. Dazu kommt, dass im Verborgenen eine Verarmung der Vielfalt der Gene und somit ein Verschwinden unterschiedlicher Eigenschaften stattfindet. Verborgen darum, weil dieser Verlust nicht aus den Bestandeszahlen der Rassen herauszulesen ist. Was passiert hier?

Rassesterben ist nicht offensichtlich, wenn es von qualitativer Art ist. Wenn also eine Rasse nicht an sich ausstirbt, sondern Eigenschaften innerhalb der Bestände. Ein Beispiel dafür sind die Simmentalerkühe, eine traditionelle Schweizer Fleckviehrasse. Die rot-weiss gefleckten Tiere stellen den klassischen Zweinutzungstyp dar, liefern also in ausgewogenem Verhältnis Fleisch und Milch, sind robust und alptauglich. Simmentaler Fleckvieh war lange Zeit weltweit so gefragt, dass sich deren Genetik über den ganzen Globus verteilte und mit anderen Rassen vermischte. Es entstand ein globales Fleckvieh, das so heterogen ist, dass heute mit dem Begriff «Simmentaler» weltweit nicht mehr dieselbe Kuh gemeint ist. Heute denken südamerikanische Bauern, dass das Simmental in den USA liegt.

Obwohl 50 Millionen Kühe unter dem Rassenamen gehandelt werden, sind nur noch wenige originale Simmentaler übrig geblieben, die ausschliesslich auf Schweizer Genetik zurückgehen und nicht wie ihre unzähligen Verwandten rund um den Globus mit diversen anderen Mastviehrassen verkreuzt wurden.

Schleichender Verlust eines Zweinutzungstyps
Im Gegensatz zum globalen Simmentaler Fleckvieh, das zur Fleischproduktion eingesetzt wird, werden in der Schweiz die übrig gebliebenen Original-Simmentaler mit Schweizer Genetik hauptsächlich auf ihre Milchleistung selektioniert. Der ursprüngliche Zweinutzungstyp mit seiner exzellenten Fleischqualität geht so nach und nach verloren. Mit dieser einseitigen Selektion verändert sich die Rasse - die traditionelle Genetik verschwindet für immer. So wie einst die Freiburgerkühe schleichend und konsequent durch Holsteinvieh verdrängt und ersetzt wurden, ist auch das ursprüngliche Simmentalervieh bedroht. ProSpecieRara initiierte deshalb ein Projekt für die letzten Simmentaler vom traditionellen Schlag.

Leistungssteigerung: nachhaltig oder gefährlich?
Rassen waren nie starr, sondern haben sich immer weiterentwickelt. Will man alte Rassen erhalten, ist dem Rechnung zu tragen. Die Meinung, dass gefährdete Rassen nur überleben, wenn ihre Leistung gesteigert werden kann, birgt jedoch Gefahren. Denn mit den heute möglichen Zuchtmethoden können sich Rassen schnell verändern - sehr viel schneller als noch vor wenigen Jahrzehnten. Steht nur die Leistung im konventionelle Sinn im Zentrum, also Milchmenge, Milchgehalt oder Mastleistung, so bleiben etliche andere Merkmale und Eigenschaften auf der Strecke, sprich werden für immer ausselektioniert.

Soll die Stiefelgeiss plötzlich viel Milch liefern, verliert sie ihre Robustheit und wird für extensive Beweidungsprojekte uninteressant. Wird das Spiegelschaf einseitig auf seine Mastfähigkeit selektioniert, nehmen Geburtskomplikationen zu. Steht die Schönheit der Walliser Schwarzhalsziegen im Zentrum der Aufmerksamkeit, leidet deren Robustheit, weil für die Erreichung gewisser Zuchtziele zum Beispiel hohe Inzuchtwerte toleriert werden.

Museums- oder Leistungszucht bei alten Rassen?
Museale Erhaltung oder Überleben dank Steigerung der Produktivität? Beides! Aber beides nicht im extremen, ausschliesslichen Ausmass. Denn wer zu sehr den alten Typ als Ziel vor sich hat, der vergisst, dass immer schon die schlechtesten Tiere aus der Zucht genommen wurden und verhindert, dass sich Rassen anpassen und weiterentwickeln können. Wer jedoch zu einseitig auf Produktivitätsteigerung setzt, verliert unterwegs zu seinem Ziel in anderen Bereichen. Denn die Leistung der Rassen gründet nicht nur in grossen Milch und Fleischmengen, sondern ist ganzheitlich zu sehen:

  • Produktion von Milch, Fleisch, Eiern, Wolle, Honig
  • Genügsamkeit, d.h. angepasste Produktion unter extensiven Bedingungen
  • Robustheit, geringe gesundheitliche Anfälligkeit, Widerstandsfähigkeit
  • Geländegängigkeit, Trittsicherheit
  • Eignung für die Landschaftspflege
  • Ästhetische und kulturelle Werte sowie die damit verbundene emotionale Ausstrahlung
  • Genetische Variabilität innerhalb der Rasse

Immer wieder ist festzustellen, dass innerhalb der Züchterschaft Schwerpunkte im Hinblick auf das anzustrebende Zuchtziel gelegt werden. Frohwüchsigkeit, Mastfähigkeit, Fruchtbarkeit, Milchmenge, Euterform, Klauengesundheit und Zutraulichkeit gehören zu den Merkmalen, auf die z.t. einseitig selektoiniert wird. Gefährlich wird es dann, wenn zu stark fokusiert wird, denn dann droht Vereinheitlichung und Gendrift, also der endgültige Verlust an Erbmaterial.

Sensibilisieren für moderate Zuchtstrategien
Eine wichtige Aufgabe von ProSpecie Rara bleibt es, die Züchterinnen und Züchter immer wieder für eine ausgeglichene Zuchtstrategie zu motivieren, damit die alten Rassen ganzheitlich erhalten werden können und ihre vielfältigen Eigenschaften auch künftigen Generatoinen verfügbar bleiben.

Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW änderte in den letzten Jahren seine Politik in Bezug auf die gefährdeten Schweizer Rassen. Lag bisher der Fokus auf der Erhaltung der Vielfalt der Rassen im Sinne eines Genpools, den tiergenetischen Ressourcen, fordert das BLW heute mehr Zuchtfortschritt, Zuchtwertschätzung und Selektion. Landwirtschaftliche Rassen sollen sich im landwirtschaftlichen Umfeld behaupten, so die Grundstimmung.

ProSpecieRara setzt sich dafür ein, dass dabei die unterschiedlichen Eigenheiten der Rassen und deren gesamte Biodiversität erhalten bleiben und initiierte eine Stellungsnahme zuhanden des BLW's. Dieses Statement, das von diversen Zuchtorganisationen mitgetragen wurde, konnte anlässlich einer Zusammenkunft im BLW im Mai 2009 dem Bundesamt übergeben werden.


November 2009, © ProSpecieRara