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Erhaltungsarbeit macht an der Grenze nicht Halt

Die Südtiroler Genbank fragt ProSpecieRara nach Saatgut der ‘Proveiser Gerste’ an. Wir erhalten die Sorte seit fast 30 Jahren. Sie stammt ursprünglich aus Südtirol, doch nun gibt es dort kein keimfähiges Saatgut mehr. Diese «Repatriierungsgeschichte» ist nicht alltäglich, aber sie ist auch kein Einzelfall. Und sie zeigt, wie wichtig das Miteinander ist – über nationale Grenzen hinweg.

Die ‘Proveiser Gerste’ konnte dem Südtirol, ihrer ursprünglichen Heimat, zurückgegeben werden. Die Sorte wird seit 30 Jahren von ProSpecieRara erhalten. Sie eignet sich hervorragend für Gerstensuppe.

Der ‘Ultner Hafer’ wurde von ProSpecieRara-Gründer Hape Grünenfelder im Südtirol gesammelt. Der Austausch über Grenzen hinweg ist für die langfristige Absicherung der Sortenvielfalt wichtig.

Die Schlafmohnsorte ‘Schweizerkreuz‘ haben wir von der deutschen IPK-Genbank in ihrer ursprünglichen Form wieder erhalten.

Den Kopfsalat ‘Augspurger‘ hat vermutlich eine Amish-Familie bei ihrer Auswanderung in die USA mitgenommen. Wir haben das Saatgut von der amerik. Erhaltungsorganisation Seed Savers Exchange erhalten.

Die alte französische Sorte ‘Roseval’ war 1950 in der Schweiz sehr beliebt, ehe sie nach und nach verschwand. Dank der französischen Genbank Inrae befindet sie sich wieder in unserer Obhut.

Jetzt spenden für den freien saatgutverkehr

Von Simone Krüsi, Redakteurin

Wir schreiben das Jahr 1994. Hape Grünenfelder, der Gründer von ProSpecieRara, ist im Südtirol unterwegs. Im Ultental hofft er die roten Ultentaler zu finden, eine Schafrasse, die praktisch deckungsgleich ist mit dem Schlag auf der Schweizer Alpenseite, dem Engadinerschaf. Aus jahrelanger Erfahrung weiss Grünenfelder, wo die Chancen, Bestände von alten Rassen zu finden, am grössten sind: in Grenzlagen, in der Abgeschiedenheit, in stark bäuerlich geprägten Regionen. Ein schmales Strässchen führt ihn in die Höhe, auf die oberste Flanke des Ultentals, die Sonnenseite. Bei den letzten Bauernhöfen, die er dort findet, fragt er nach. Die Bauern lachen. Hier wachse kein Heu, hier wachse höchstens Getreide. Für Alpweiden sei es zu trocken, zu heiss. Kurz darauf macht sich Grünenfelder auf den Rückweg – ohne Schafe, dafür mit Saatgut vom ‘Ultner Hafer’ im Gepäck. Später auf seiner Reise wird ihm, ein Tal weiter, einer der drei letzten Bauern in Proveis die ‘Proveiser Gerste’ mitgeben.

Knapp 30 Jahre danach, im Sommer 2023, erweist sich die Reise von Hape Grünenfelder fürs Südtirol als Glücksfall. Daniel Ortler vom Südtiroler Versuchszentrum Laimburg wendet sich an ProSpecieRara und fragt nach Saatgut von der ‘Proveiser Gerste’ und dem ‘Ultner Hafer’.  In den 1990er-Jahren habe man festgestellt, dass der Anbau alter Getreidelandsorten zurückgehe, erläutert Daniel Ortler im Gespräch. Um gegenzusteuern, habe die erste grosse Sammelaktion begonnen, unter anderem auch von Saatgut der ‘Proveiser Gerste’. Vermutlich hatte dieses aber zum Sammelzeitpunkt schon ein paar Jahre in einer Kornkiste auf dem Dachboden gelagert und war in der Folge nicht mehr keimfähig. Für einen Getreidevergleichsanbau habe man nun nach Saatgut der alten Südtiroler Sorten gesucht – und sei in der Schweiz fündig geworden.

In Regionen denken
Doch weshalb hat Hape Grünenfelder überhaupt Saatgut von «ennet der Grenze» mitgenommen? «Wir fokussieren in unserer Erhaltungsarbeit auf die Schweiz, aber das sollte uns nicht davon abhalten, auch in Regionen zu denken», ordnet der heutige Geschäftsleiter von ProSpecieRara, Béla Bartha, ein. «Die Grenzen wurden künstlich gezogen und der Alpenraum weist als Region einen einzigartigen Charakter auf. Durch seine zahlreichen natürlichen Grenzen sind viele lokal angepasste Landsorten mit interessanter Genetik entstanden, da der Austausch unter den Tälern nicht sehr gross war. Und ganz grundsätzlich gilt: Wenn eine seltene Sorte an uns herangetragen wird, für die sich sonst niemand einsetzt, lehnen wir ganz sicher nicht ab.»

«Wir fokussieren in unserer Erhaltungsarbeit auf die Schweiz, aber das sollte uns nicht davon abhalten, auch in Regionen zu denken.» Béla Bartha, Geschäftsleiter von ProSpecieRara

In ständigem Austausch
Das Beispiel der ‘Proveiser Gerste’ ist nicht das einzige seiner Art. Immer wieder ist ProSpecieRara auch in der Nehmerinnen-Rolle. Rund 40 Zierpflanzensorten, die früher in der Schweiz handelsüblich waren, haben wir vom deutschen Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) wieder erhalten. Manchmal suchen wir auf Auslandreisen auch gezielt nach verlorengegangenem Kulturgut: So war ProSpecieRara-Zierpflanzenexpertin Lina Sandrin letztes Jahr in den Niederlanden unterwegs, um nach Tulpensorten mit Schweiz-Bezug Ausschau zu halten (siehe rara 2022/3). Und hin und wieder gelangen Schätze auch unverhofft in unsere Obhut: Zweimal fand Béla Bartha ein Paket aus Deutschland im Briefkasten vor – darin befand sich Saatgut von über 50 seltenen Zierpflanzensorten des Traditionsunternehmen «Ernst Benary Samenzucht GmbH», welches diese nicht mehr im Sortiment führen konnte. Mit Unterstützung der Deutschen Genbank konnten die Sorten vermehrt und bis heute erhalten werden.

Freier Saatgutverkehr ist elementar
Kurzum: Um die Erhaltung der Sortenvielfalt möglichst breitflächig zu gewährleisten, braucht es Organisationen und Institutionen, die sich gegenseitig ergänzen und zusammenarbeiten, seien dies NGOs, Genbanken oder auch KMUs. Und nicht zuletzt braucht es uneingeschränkten Zugang zum Ausgangsmaterial und einen freien Saatgutverkehr. Für beides setzt sich ProSpecieRara seit Jahren sein. Sei es auf Ebene des Patentschutzes oder aktuell bei der geplanten EU-Saatgutverordnung, die sich in gewissen Bereichen einschränkend auf den Saatgutverkehr auswirken könnte – im ungünstigsten Fall sogar unter Genbanken und Saatguterhaltungsnetzwerken. ProSpecieRara analysiert zurzeit den Entwurf der neuen Verordnung gemeinsam mit ihren Partnern in Europa und erarbeitet konkrete Verbesserungsvorschläge.

Für die Erhaltung der Sortenvielfalt braucht es Organisationen, die sich ergänzen und zusammenarbeiten. Und es braucht einen freien Saatgutverkehr – über Ländergrenzen hinweg.

Eine Sorte entwickelt sich weiter
Zurück im Südtirol. Daniel Ortler wird das erhaltene Saatgut der ‘Proveiser Gerste’ und des ‘Ultner Hafers’ mit seinem Team nun aussäen und hochvermehren. Dann wird sich auch zeigen, wie sich die Südtiroler Raritäten im Laufe der Zeit in der Schweiz weiterentwickelt haben. In den vergangenen Jahren waren der ‘Ultner Hafer’ und die ‘Proveiser Gerste’ zur Saatgutgewinnung nämlich vor allem im Schlossgarten Wildegg angebaut worden. Nicht ganz unter denselben klimatischen Bedingungen wie damals, hoch oben in den Hängen des Ultentals – aber bestimmt mit ebenso viel Weitblick und Umsicht.


Erhaltung in der Genbank oder im Erhaltungsnetzwerk
In einer Genbank wird Pflanzenmaterial zentral aufbewahrt und vermehrt. Die langfristige Konservierung erfolgt bei tiefen Temperaturen von –20°C. Die Keimfähigkeit hält so je nach Kultur bis zu 50 Jahren an. Die nationale Genbank der Forschungsanstalt Agroscope in Nyon umfasst derzeit Saatgut von ungefähr 13'000 Akzessionen (Sortenherkünfte) – darunter 11’000 Getreide-, 900 Gemüse- und 400 Maisakzessionen.

ProSpecieRara betreibt sogenannte «On-farm-Erhaltung». Die Sorten sind dezentral im Erhaltungsnetzwerk abgesichert. Sie werden regelmässig angebaut und passen sich über die Jahre den sich verändernden Umweltbedingungen an. In der ProSpecieRara-Samenbibliothek wird das Saatgut von 1’700 seltenen Sorten gelagert. Von hier wird es an die Sortenbetreuer:innen geschickt und nach der Saatguternte wieder kontrolliert. 


Weitere Beispiele von Sorten mit Schweiz-Bezug, die wir aus dem Ausland wieder erhalten haben, lassen sich in der Bildlegende nachlesen.