Was einst fast von den Schweizer Äckern verschwand, kehrt heute zurück – auch dank des Engagements von ProSpecieRara, das alte Sorten erhält, Wissen weiterträgt und den Buchweizen als Kulturpflanze wieder sichtbar macht.
Es ist Nacht, weisse Blüten säumen den Wegrand und leuchten im Mondlicht wie glänzende Salzkristalle durchs Dunkel der Umgebung. In der koreanischen Erzählung Wenn der Buchweizen blüht bewegt dieser Anblick den Wanderverkäufer Heo dazu, seinem Begleiter eine alte Erinnerung zu erzählen. Es ist ein Augenblick, in dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. Auch in der Schweiz erzählen diese blühenden Felder eine Geschichte. So wie Heo in der Geschichte im Feld zwischen den Buchweizenblüten eine lang vergessene Erinnerung zurückholt, zeigen die Buchweizenfelder der Schweiz eine Kultur, die von den Äckern verschwunden war, jedoch auf einzelnen Höfen, in traditionellen Gerichten und im Gedächtnis überlebt hat. Und sie zeigen auch, dass das, was immer mehr in Vergessenheit geriet, leicht wieder zu einer Basis für die Zukunft werden kann.

Aus den Höhen Zentralasiens
Buchweizen hat seinen Ursprung in den zentralasiatischen Hochlagen und wurde über Handels- und Migrationsbewegungen nach Europa gebracht und ab dem 14. Jahrhundert für die menschliche Ernährung genutzt. Als anspruchslose Pflanze, die schnell wächst und auch mit kargen Bedingungen in Höhen von bis zu 3000m zurechtkommt, fand sie im immer wieder von Hungersnöten geplagten Europa schnell ihren Platz. Besonders in Berg- und Randregionen, wo andere Kulturen an ihre Grenzen stiessen, wurde Buchweizen geschätzt. Kurze Vegetationszeiten, magere Böden und eine auf Selbstversorgung ausgerichtete Landwirtschaft spielten ihm in die Hände. Buchweizen war Teil der Alltagsküche und sicherte Ernten dort, wo Weizen und andere Getreide versagten.
Eine fast vergessene Kulturpflanze
Geschichtlich lässt sich Buchweizen in der Schweiz fast überall finden. In den südlichen Alpentälern, dem Puschlav, Misox, Bergell, Münstertal, Engadin und Tessin hat sich die Kultur –der grano saraceno – aber länger erhalten und wurde Bestandteil vieler traditioneller Gerichte wie Pizzoccheri, Polenta nera, Manfrigoli und Chisciöi. Botanisch gehört die Pflanze nicht zu den Getreiden, sondern zu den Knöterichgewächsen, wie z.B. Ampfer und Rhabarber, kulturell jedoch wurde sie wie eines behandelt, wovon der Name Buchweizen oder eben grano saraceno noch heute zeugen. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft und dem Aufkommen von Reis und Mais verschwand der Buchweizen zunehmend von den Feldern. Im Zweiten Weltkrieg wurde er noch recht häufig angebaut, danach sank die Anbaufläche Jahr für Jahr, bis er Ende der 1970er Jahre auch auf den Puschlaver Äckern nicht mehr zu finden war.
Zurück auf die Felder
Gänzlich verschwunden war der Buchweizen jedoch nie. In abgelegenen Tälern und über Grenzen hinweg, etwa im Veltlin, wurde Buchweizen weiter angebaut und verarbeitet. Einzelne Produzent:innen hielten Wissen und Saatgut lebendig. Diese stille Pflege bilden heute die Grundlage für seine Wiederentdeckung. Organisationen wie ProSpecieRara haben dazu beigetragen, alte Sorten zu sammeln, zu erhalten und wieder zugänglich zu machen. Sorten wie ‘Viano’, ‘Brusio’ oder ‘Hagenwil’ sind dabei nicht nur Trägerinnen der genetischen Vielfalt, sondern widerspiegeln auch die Geschichte einer Region. Von Menschen, die sich in kargen Verhältnissen ihre Existenz selbst sichern mussten und auf eine bewährte und ökologisch verträgliche Versorgung setzen wollten. So beispielsweise Patrizio Mazzucchelli und Greta Roganti aus dem Veltlin. Sie führen in Teglio den agroökologischen Betrieb „Raetia Biodiversità Alpine“. Seit über 25 Jahren widmen sie sich der Suche, der Erhaltung, dem Anbau und der Weitergabe traditioneller alpiner Kulturpflanzen, die vom Verschwinden bedroht sind – unter anderem Buchweizen. Hierfür arbeiten die beiden auch mit ProSpecieRara zusammen. Patrizio Mazzucchelli sagt:
Für uns war und ist der Anbau des einheimischen Buchweizens von Teglio eine wichtige Chance
Ihnen gehe es auch um ein neues Verständnis von Berglandwirtschaft: Statt sich den Vorgaben eines globalen Marktes zu unterwerfen, setze man auf regionale Zusammenarbeit und lokale Wertschöpfung, führt Mazzucchelli aus. Gemeinsam mit Produzent:innen, Bäcker:innen, Konditor:innen und Restaurants entstünden einzigartige Produkte, die neue Perspektiven eröffnen. "Wir sind überzeugt, das die alpine Agrobiodiversität den Bergbäuer:innen so ermöglicht, von ihrer Arbeit zu leben."

Versteckte Stärken
Was lange als vergessen galt, gewinnt heute neue Bedeutung. Buchweizen passt in eine Landwirtschaft, die mit Unsicherheiten umgehen muss. Seine kurze Wachstumszeit und geringe Ansprüche machen ihn interessant im Kontext zunehmender Trockenheit. Als Zwischen- oder Nebenkultur kann er Böden bedecken, Unkraut unterdrücken und durch seine reiche und lange Blüte Bestäubern Nahrung bieten. In der Fruchtfolge bringt er Abwechslung ins System, fördert Bodenleben und Insekten. Und was im Feld gilt, gilt auch auf dem Teller. Buchweizen ist glutenfrei, mineralstoffreich und vielseitig verwendbar, von traditionellen Gerichten wie Pizzoccheri bis zu modernen Interpretationen. Vielfalt stabilisiert, macht anpassungsfähig und eröffnet neue Möglichkeiten.
Zwischen Nische und Neuanfang
Buchweizen ist aber nach wie vor eine Nischenkultur. Wer kennt und isst Buchweizen anstatt Weizen, Reis und Mais? Und der Buchweizen, den wir in der Schweiz essen, wurde zum Grossteil aus dem Ausland importiert. Die verbleibende Schweizer Produktion ist klein und damit logistisch kompliziert. Deshalb ist es für ProSpecieRara ein Anliegen, die Buchweizenproduktion in der Schweiz zu unterstützen. ProSpecieRara arbeitet mit engagierten Partner:innen daran, eine effiziente Wertschöpfungskette aufzubauen und vorhandenes Wissen weiterzuentwickeln. Dazu gehört die Bereitstellung von qualitativ und quantitativ gutem Saatgut oder die Suche nach standortangepassten Sorten und deren Beschreibung. Auch führen wir Verarbeitungstests durch, unterstützen bestehende Projekte und vernetzen Akteurinnen und Akteuren.
Vielfalt als Zukunft
Zurück in der Erzählung vom Anfang. Heo teilt seine Geschichte und findet in seinem Gefährten seinen verlorenen Sohn wieder. Es spannt sich ein Bogen vom Vergessenen zum Gegenwärtigen und vielleicht weiter in die Zukunft. Auch Buchweizen ist nicht nur eine Erinnerung, sondern steht für neue Möglichkeiten. Er wird kaum eine Hauptkultur werden, doch gerade als Ergänzung kann er eine wichtige Rolle spielen. Buchweizen zeigt exemplarisch, wie agrarökologische Ansätze Vielfalt als Ressource verstehen und daraus neue Perspektiven für die Landwirtschaft entwickeln. Buchweizen ist damit mehr als eine wiederentdeckte Pflanze. Er ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Vielfalt erhalten, neu gedacht und weitergetragen werden kann.
