Langzeitfeldversuch «Birnenverfall»

Alte Hochstammbirnbäume prägen vielerorts noch das Landschaftsbild und sind von grosser Bedeutung für die Biodiversität. Doch der Birnenverfall bedroht viele dieser kulturhistorisch wertvollen Bäume. Das Projekt untersucht, ob neue, robuste Unterlagen den Hochstammanbau alter Birnensorten langfristig sichern können – am Beispiel von Pflanzungen im Kanton Uri und der Zentralschweiz.

Hintergrund

In der Schweiz stehen noch viele mächtige Hochstammbirnbäume alter, kulturhistorisch verankerter Sorten. Ihr Wert für die lokale und regionale Biodiversität ist enorm, gehören doch klassische Streuobstwiesen zu den artenreichsten Ökosystemen Europas.
Diese ökologisch und landschaftlich prägenden Bäume sind jedoch zunehmend bedroht: Viele leiden unter der Krankheit «Birnenverfall».

Gemäss einer Schätzung der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope sind in der Schweiz zwischen 60 und 80 Prozent der Hochstamm-Birnbäume betroffen. Das Laub befallener Bäume verfärbt sich bereits im Sommer rot und fällt frühzeitig ab. Dies schwächt den Baum erheblich, sodass er von Jahr zu Jahr an Vitalität verliert, weniger Ertrag liefert und schliesslich abstirbt. Die Krankheit ist nicht neu, tritt aber offenbar in Kombination mit Stress durch extreme Witterungsbedingungen – insbesondere Hitze und Trockenheit – vermehrt auf.

Verursacht wird der Birnenverfall durch sogenannte Phytoplasmen. Dabei handelt es sich um Bakterien ohne Zellwand, die als Parasiten in den Siebröhren der befallenen Wirtspflanzen vorkommen. Die Siebröhren sind für den Transport der Nährstoffe im Baum verantwortlich. Übertragen wird die Krankheit durch bestimmte Insektenarten von Baum zu Baum. Besonders anfällig ist die in der Schweiz weit verbreitete Sorte «Wasserbirne», eine traditionelle Mostbirnensorte, deren Anbau daher heute nicht mehr empfohlen werden kann. Auch die häufig verwendete Wurzelunterlage «Kirchensaller» erwies sich als sehr anfällig. (Als Unterlage wird das Wurzelwerk bezeichnet, auf das die gewünschte Sorte veredelt wird; praktisch alle Birnbäume sind veredelt.)

 

Neue Unterlagen als Hoffnungsträger

Seit einigen Jahren stehen neue Unterlagen für Birnbäume zur Verfügung, die gegenüber Phytoplasmen als robust gelten. Sorten, die auf diese Unterlagen veredelt werden, sollten nicht mehr an Birnenverfall erkranken. Damit eröffnen sich neue Perspektiven für den Hochstammanbau: Die Unterlagen könnten dazu beitragen, dass junge Birnbäume sich wieder zu grossen, stattlichen und das Landschaftsbild prägenden Hochstammbäumen entwickeln, anstatt vorzeitig zu erkranken und abzusterben.

Da die Unterlagen mit dem Namen «Virutherm» (Refia®) erst seit wenigen Jahren auf dem Markt sind, liegen in der Schweiz bislang kaum praktische Erfahrungen vor. Im Rahmen eines gemeinsamen Projekts von FRUCTUS und Agroscope wurden deshalb bereits 2022 erste Testpflanzungen vorgenommen: Vier Hochstamm-Birnbäume auf Virutherm wurden im Kanton Zürich ausgepflanzt, weitere 20 Bäume bei Agroscope Changins in der Westschweiz. Parallel dazu wurde das aktuelle Wissen zum Birnenverfall systematisch zusammengetragen. Das Projekt wurde von der Müller-Thurgau-Stiftung mitfinanziert und lief in den Jahren 2022 bis 2023.

 

Projektidee und Bezug zum Kanton Uri

Das Projekt wird im Kanton Uri und in der Zentralschweiz umgesetzt – mit dem Ziel die Unterlage auf ihre Eignung als robuste Hochstammunterlage für alte Birnensorten zu testen. Nach Möglichkeit werden Sorten gewählt, die einen regionalen Bezug haben. Die Früchte sollen sich insbesondere für die Verarbeitung zu Most- und Dörrobst eignen, da diese Nutzungen im Kanton Uri einen ausgeprägten soziokulturellen Hintergrund haben, etwa im Zusammenhang mit dem traditionellen Dessert «Brischtner Nytlä». Die Landwirt:innen sind für Pflanzung sowie fachgerechte Pflege (Schnitt und Erziehung) verantwortlich; Fructus und ProspecieRara koordinieren das Projekt und begleiten es wissenschaftlich.

In der Vorprojektphase konnten bis im Frühjahr 2024 alle Bäume bestellt werden. Die Pflanzung der Bäume erfolgte im Herbst 2024 und 2025. Auf sechs Versuchsbetrieben wurden jeweils 20 Bäume gepflanzt, jeweils 4 pro Sorte, davon jeweils zwei auf Virutherm 2 und einer Kontroll Unterlage veredelt.

Eine Voranfrage bei der Mosterei Ramseier Suisse AG zeigte zudem klar, dass Hochstamm-Mostbirnen in den kommenden Jahren ein gesuchter Rohstoff sein werden. Diese Nachfrage verleiht den Neupflanzungen – neben ihrer hohen Bedeutung für Biodiversität und Landschaft – auch eine langfristig tragfähige und sinnvolle Perspektive.