Schweizer Hühnerrassen auf dem Prüfstand

2021 startete ein Projekt, das klare Daten zu Verwandtschaft und Leistung der Schweizer Hühnerrassen generiert. Erste Ergebnisse dürfen wir Ihnen heute präsentieren.

Ein prächtiger Appenzeller Barthuhn-Hahn

Eine Gruppe Schweizerhuhn-Hennen

Sandra Serretti

Spitzhaubenhenne

Darstellung der genomischen Verwandtschaft innerhalb der drei Rassen. Alle Tiere werden auf den x- und y- Achsen gegen alle anderen Tiere projiziert.

Stillhalten für den Rassenerhalt. Die Sammlung der Blutproben bedeuteten für die Tiere und ihre Halter*innen einen nicht unerheblichen Aufwand: ein Schweizerhuhn wird für die Blutentnahme fivxiert.

Verlauf der Legeleistungen der drei Rassen, mit deutlicher „Legepause“ zwischen ca Oktober und Februar (BH= Barthuhn, CH= Schweizerhuhn, SH=Spitzhaubenhun, N=Anzahl Hennengruppen).

Anpaarungstools

In Kürze

Die Wertschätzung der landwirtschaftlichen Vielfalt und damit der lokalen Landrassegeflügel, dem „Schweizerhuhn“, dem „Appenzeller Barthuhn“ und dem „Appenzeller Spitzhaubenhuhn“ ist in den letzten Jahren stark gestiegen. In reinen Tierzahlen sind ihre Populationen deutlich gewachsen, jedoch sind die Leistungen mit einer grossen Unsicherheit behaftet und das Auftreten von Erbkrankheiten steht im Zusammenhang mit dem Inzuchtgrad in einer Population. Diese Werte sind für die drei Rassen nicht bekannt. Um sie ermitteln zu können, müssen von möglichst vielen Tieren Blutproben genommen und mit hohen Kosten im Labor analysiert werden.

Gross war darum die Freude, als das Bundesamt für Landwirtschaft einem Gemeinschaftsprojekt von ProSpecieRara, dem ZUN, der HAFL* und der Universität Bern seine finanzielle Unterstützung zusprach, um Daten der drei Schweizer Hühnerrassen zu erheben; ein ambitioniertes Projekt, eine grosse Chance für die Landrassehühner, aber auch eine beachtliche Herausforderung, die nur gemeistert werden kann, weil die Züchterschaft tatkräftig mitwirkt. Dutzende Halter*innen brachten im Frühling 2021 ihre Tiere zu Blutentnahmestellen, notierten über Monate akribisch die tägliche Anzahl gelegter Eier und rapportierten Brut- und Aufzuchtdaten ihrer Hühner. Die HAFL konnte in der Zwischenzeit die Daten aus dem ersten Projektjahr auswerten und für diesen Zeitraum interpretieren.

Bei der Brutleistung (Befruchtungs-, Schlupf- und Aufzuchtraten) können sich unsere Schweizer Rassen durchaus sehen lassen. Einzig die Schlupfraten (Anzahl geschlüpfter Küken pro befruchtete Eier) liegen bei allen drei Rassen relativ tief. Für die Schlupfraten sind nebst genetischen Faktoren (inkl.Inzucht) im Wesentlichen die Umweltbedingungen entscheidend. Die Witterung spielt ebenso eine Rolle wie das Gewicht der Bruteier oder auch das Handling des Brutapparats. Daher ist es hier besonders wichtig, während mehrerer Jahre Daten
zu erheben, um aussagekräftige Schlüsse ziehen und die Schlupfraten vielleicht künftig heben zu können.

Aber kommen wir zu der Frage, die uns alle wohl am meisten interessiert: Wie viele Eier legt denn nun so ein Rassehuhn? Die durchschnittliche Legeleistung der einzelnen Hennen belief sich beim Appenzeller Barthuhn auf 132 Eier, beim Schweizerhuhn auf 121 Eier und beim Appenzeller Spitzhaubenhuhn auf 120 Eier im ersten Projektjahr. Die Eierleistungen unserer Hühner sind zweifellos respektabel – wenn auch bei weitem nicht so hoch wie die landläufige Vorstellung. Die Erfassung der Brut- und Legeleistungen dauert im laufenden Jahr noch an. Wir
sind begeistert vom passionierten Mitwirken der Züchterinnen und sehr gespannt auf weitere Ergebnisse.

 

Referenzwerte für künftige Erhaltungszucht

Insgesamt wurden 284 Tiere genotypisiert, wobei in der Regel pro Zuchtgruppe ein Hahn und zwei Hennen in die Studie miteinbezogen wurden (siehe Tabelle). In der Auswertung wurde im Anschluss für jedes Tier die genomische Inzucht und für jedes Tierpaar die genomische Verwandtschaft ermittelt und dargestellt. Die genomische Inzucht zeigt an, ob in der Geschichte eines Tieres verwandte Tiere angepaart wurden. Die genomische Verwandtschaft wiederum ermittelt auf genetischer Ebene, wie stark die untersuchten Tiere also Hähne und Hennen, miteinander verwandt sind. Ein Vorteil der genomischen Daten ist es, dass die genomische Verwandtschaft und die genomische Inzucht unabhängig von einem Herdebuch für die genotypisierten Tiere hergeleitet werden kann

 

Hähne

Hennen

Total

AB

39

61

100

SH

39

74

113

SP

22

49

71

Total

100

184

284

 

Tabelle 1: Anzahl der ins Projekt aufgenommenen Tiere je Rasse der drei Schweizer Hühnerrassen (AB: Appenzeller Barthuhn, SH: Schweizerhuhn, SP: Appenzeller Spitzhaubenhuhn)

Von den drei Schweizer Hühnerrassen weisen die Appenzeller Spitzhauben die höchste durchschnittliche genomische Inzucht auf. Insbesondere fallen die hohen mittleren Werte der genomischen Inzucht der seltenen Farbschläge Reingold und Silbertupf auf. Die Appenzeller Barthühner liegen leicht unter dem Mittelwert der Rasse Spitzhauben, während die Rasse Schweizerhuhn die tiefsten Inzuchtwerte der drei Rassen zeigt.

Rasse

BH

SH

SP

Anzahl Tiere

100

113

71

FROH

± STD

11.0 ±4.8

10.3 ±4.6

16.4 ±8.4

 

Tabelle 2: Mittlere genomische Inzuchtwerte (FROH) der drei Schweizer Hühnerrassen.

Am besten steht also das Schweizerhuhn da, knapp vor dem Appenzeller Barthuhn, während die höchsten Verwandtschafts- und Inzuchtwerte beim Appenzeller Spitzhaubenhuhn zu finden sind. Dieses Ergebnis ist nicht erstaunlich, handelt es sich bei der Rasse Appenzeller Spitzhaubenhuhn um eine sehr kleine, geschlossene Population.

Ein allgemein gültiger Schwellenwert für genomische Inzucht ist in der Geflügelzucht nicht sinnvoll, da die Schätzwerte von der Markerdichte (d.h. wie viele Punkte im Genom der Tiere berücksichtigt wurden) und von der Rassengeschichte abhängig sind. Die im Projekt ermittelten Mittelwerte sollen als Momentaufnahme den Status Quo definieren und als Referenzwerte dienen. Ausgehend davon kann ab sofort die Inzuchtentwicklungen innerhalb der drei Rassen besser beurteilt werden.

In der Praxis kann die Inzucht von zukünftigen Jungtieren durch die Kontrolle der genomischen Verwandtschaft von einem Zuchthahn zu den anzupaarenden Hennen eingeschränkt werden.

Zu dem Zweck wurden in einem ersten Schritt für alle Tierpaare der drei Rassen die genomische Verwandtschaft und die Rassenmittel hergeleitet. Diese Mittelwerte sind in der Tabelle 3 dargestellt und stimmen mit der Geschichte und dem Zuchtgeschehen in den drei Rassen überein. In einem zweiten Schritt wurden die genomischen Verwandtschaften der beprobten Hähne mit den beprobten Hennen genauer unter die Lupe genommen. So werden Hähne, die unterdurchschnittlich verwandt sind mit den Hennen einer Zuchtgruppe erkannt und für die kommende Zuchtsaison gezielt ausgetauscht werden. Das Vorgehen wird in der Abbildung unten erläutert („Beispiel für die Anwendung des Anpaarungstools“). 

Rasse

BH

SH

SP

Anzahl Tiere

100

113

71

Mittlere genom. Verwandtschaft

0.21

0.11

0.33

 

Tabelle 3: Mittlere genomische Verwandtschaften innerhalb der drei Schweizer Hühnerrassen

 
Leistungen:

Vitalitätsparameter

Von 21 Zuchtgruppen aller drei Rassen wurden im ersten Projektjahr die Vitalitätsparameter der Tiere (Brut- und Aufzuchtleistungen sowie Mortalität) ermittelt. Insgesamt wurden 19 Kunst- und 2 Naturbruten miteinbezogen.

Die Befruchtungsraten (Anzahl befruchteter pro bebrüteter Eier) sind: Schweizerhuhn 82%, Appenzeller Barthuhn 79%, Appenzeller Spitzhaubenhuhn 91%.

NB: Die Befruchtungsraten sind abhängig vom Datum der Bruteiersammlung (Wetter, Temperatur), vom Geschlechterverhältnis (Anzahl Hähne pro Anzahl Hennen) sowie von Alter und Vitalität der Hähne. Diesen Variablen konnte in diesem Projekt aufgrund der Komplexität nicht Rechnung getragen werden. Die ermittelten Befruchtungsraten spiegeln somit die tatsächlichen Praxisbedingungen wider.

Die Schlupfrate (Anzahl lebensfähige, geschlüpfte Küken pro Anzahl eingelegte Eierliegen bei 65% (Appenzeller Barthuhn), 58% (Schweizerhuhn) und 64% (Appenzeller Spitzhaubenhuhn). Gemessen an den mittleren Schlupfraten von rund 80% in der konventionellen Geflügelzucht (Referenz: Aviforum), sind die Schlupfraten in den untersuchten Bruten vergleichsweise tief. Die Gründe für die tieferen Schlupfraten sind vielfältig. Die Stichprobe ist mit 21 Bruten relativ klein und das Management (Sammlung Bruteier, Lagerung Bruteier, Grösse Bruteier, etc) ist weniger standardisiert im Vergleich mit konventionellen Brütereien. Weiter sind die drei Rassen saisonal. Dies hat zur Folge, dass Bruten mit sehr frühem Brutbeginn in tiefen Schlupfraten resultieren. Die Schlupfrate hängt auch von genetischen Faktoren ab. Es ist jedoch sehr schwierig, basierend auf kleinen Daten Zusammenhänge zwischen den Inzuchtkoeffizienten und tiefen Schlupfraten nachzuweisen.

Nebst technischen Gründen (Handling und Lagerung der Bruteier, Handling der Brutmaschinen u.a.) ist die Schlupfrate auch von genetischen Faktoren und Entwicklungsstörungen abhängig.

Die Aufzuchtrate (Anzahl aufgezogene Tiere pro Anzahl geschlüpfter Tiere) stellt sozusagen das Gegenteil der Mortalität dar (Anzahl Tiere, die nach dem Schlupf absterben oder wegen Körperanomalien getötet werden müssen). Die Aufzuchtrate liegt im Untersuchungszeitraum in der Rasse Schweizerhuhn (95%) am höchsten, gefolgt von der Rasse Appenzeller Spitzhauben (92%) und der Rasse Appenzeller Barthuhn (88%). In der Rasse Appenzeller Barthuhn ist die Aufzuchtrate etwas tiefer als 90%, weil Küken mit Kreuzschnabel ausgeschlossen werden mussten.

Legeleistung

In insgesamt 52 Hennengruppen wurde von April 2021 bis März 2022 täglich die Anzahl gelegter Eier notiert, dabei kamen total 114893 Legehennentage zusammen, in denen die Tiere total 38566 Eier legten.

 

Anzahl Gruppen

Anzahl Eier erfasst

Lege-hennen-tage

Ø Anzahl Hennen

Ø Eier pro Henne und Jahr

BH

16

8003

22160

60.71

131.82

CH

21

19760

59749

163.70

120.71

SH

15

10803

32984

90.37

119.55

 

Über alle Rassen gemessen legt somit eine Henne alle 3 Tage ein Ei. Die durchschnittliche jährliche Legeleistung der einzelnen Hennen ist gemäss der Daten aus dem Jahr 2021 bei den drei Rassen vergleichbar: Appenzeller Barthuhn: 132 Eier, Schweizerhuhn: 121 Eier und Appenzeller Spitzhaubenhuhn: 119 Eier pro Jahr.

Die Erhebung der Leistungserfassungen wird im Jahr 2022 weitergeführt und anhand der Erfahrungen des ersten Jahres auch ein wenig verfeinert, beispielsweise werden die Ergebnisse nun bezüglich der Anwendung von Kunstlicht im Stall korrigiert.

Die Eierleistungen unserer Hühner sind zweifellos respektabel, wenn auch bei weitem nicht so hoch wie die landläufige Vorstellung. Die in der Literatur angegebenen Legeleistungen werden oft unter standardisierten Bedingungen erhoben (z.B. mit Lichtregime). Hier wird das Projekt ebenfalls eine Lücke schliessen und aufzeigen, welche Legeleistungen unter nicht standardisierten Bedingungen erwartet werden können.

Die Erfassung der Brut- und Legeleistungen dauert im laufenden Jahr noch an und wird im Jahr 2023 abschliessend ausgewertet. Wir sind sehr dankbar für das engagierte Mitwirken der Züchterschaft und gespannt auf die Ergebnisse aus den nächsten zwei Projektjahren!

Steckbrief

Erhaltungsprojekt
2021

Erforschung der verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb der Rassen, sowie der Lege- und Reproduktionsleistung

Das Projekt wird mit Mitteln des Bundesamtes für Landwirtschaft finanziert.

Das Projekt ist im Frühling 2021 gestartet.

Erwin Kump
Projektleiter Tiere

Ein herzliches Dankeschön an unsere Projektsponsoren: