Erhaltung der Walliser Ziegen

2006 stiess ProSpecieRara auf eine Walliser Schwarzhalsziege, deren vordere Körperhälfte kupferrot anstatt schwarz war. Die Vermutung lag nahe, dass es sich dabei um einen uralten Schlag der Walliser Rasse handelt. Und so lancierten wir umgehend ein Rettungsprojekt.

Kupferhals- und Schwarzhalsziegen vor dem Aletschgletscher im Wallis

Robert Schmid

Kupferhalsziege

In Kürze
Die bekannte Walliser Schwarzhalsziege gab es auch in kupferbraun, grau und reinweiss – historische Bilder belegen dies. Der Walliser Beharrlichkeit ist es wohl zu verdanken, dass einzelne Tiere dieser Färbung überlebt haben, obwohl sie vor über 100 Jahren bei der Einführung des offiziellen Zuchtbuches nicht berücksichtigt wurden.

ProSpecieRara startete deshalb 2006 das Rettungsprojekt zur Erhaltung der Walliser Ziegenvielfalt. Zuerst mit den Kupferhalsziegen und ab 2013 kamen die grauhalsigen Grüenochte Geissen und die reinweissen Capra Sempione dazu.

Heute gehören die Walliser Ziegen noch immer zu den seltensten Schweizer Ziegenrassen; sie haben aber inzwischen und Halter*innen in der ganzen Schweiz. 2020 anerkannte das Bundesamt für Landwirtschaft die Kupferhalsziegen, die Grüenochte Geissen und die Capra Sempione als Schweizer Rassen, ein toller Erfolg für das Projekt und ein enorm wichtiger Meilenstein für die weiteren Fördermassnahmen.

Unterstützen Sie die Rettung und Förderung der Walliserziegen mit einer Spende. ProSpecieRara hat dafür ein Konto eingerichtet: PC 90-1480-3 Vermerk: «Walliserziegen». Herzlichen Dank!

Projektstart 2006
ProSpecieRara wurde 2006 durch einen Hinweis eines engagierten Ziegenzüchters im Berner Oberland auf die Kupferhalsziege aufmerksam. Recherchen in historischen Büchern und Auskünfte von alten Züchtern ergaben, dass es schon immer Kupferhalsziegen in Beständen von Walliser Schwarzhalsziegen gab. Ziegen also, die anstelle der schwarzen Vorderhälfte eine helle Kupferfarbe aufweisen. Da diese zahlenmässig wohl immer schon seltener waren und sich die Züchter*innen im Wallis vor allem auf die Zucht der Schwarzhalsziege konzentrierten, wurden die Kupferhälse bei der Einführung des offiziellen Zuchtbuchs vor über 100 Jahren nicht berücksichtigt, erhielten dadurch auch keinen Rassestandard und waren damit faktisch nicht mehr förderungswürdig resp. wurden fortan als inexistent behandelt. Kupferfarbige Tiere, die immer mal wieder geboren wurden, galten als fehlerhaft und landeten meist als Gitzi auf der Schlachtbank.

2006 hielten darum nur noch wenige Züchter*innen Kupferhälse, losgelöst vom offiziellen Zuchtgeschehen. Sei es, weil sie die Tiere noch von früher her kannten oder einfach deshalb, weil ihnen die attraktiven Ziegen gefielen. Dank diesen wenigen Menschen konnte ProSpecieRara bis im Frühjahr 2007 28 lebende Tiere ausfindig machen. Sie waren die Grundlage für ein ambitioniertes Rettungsprojekt.

Der Wiederaufbau beginnt
Mit so wenigen Tieren ein Rettungsprojekt zu starten, stellte alle Beteiligten vor grosse Aufgaben und setzte vor allem voraus, dass alle Betriebe eng zusammenarbeiteten. Denn nur durch ein gezieltes Zuchtprogramm lassen sich Inzuchtprobleme und der Verlust von Genetik verhindern. 6,25% ist ein Wert, der dabei eine zentrale Rolle spielt: Diesen Wert soll die Inzucht nicht überschreiten. Diese Regel stellt sicher, dass nicht zu eng verwandte Tiere miteinander verpaart werden, denn dies kann einerseits zu Jungtieren führen, die Missbildungen oder Erbkrankheiten zeigen, vor allem aber führt es zu einer Verarmung der Genetik. Damit die Inzucht auf tiefem Niveau gehalten werden kann, müssen alle geplanten Paarungen mithilfe des ProSpecieRara-Zuchtbuchprogramms vorgängig berechnet werden. Kommen zu hohe Werte heraus, ist von der Paarung abzusehen und ein alternativer Bock zu suchen. Im Projekt haben die Züchter*innen diesbezüglich gut zusammengearbeitet und Ende 2020 – 14 Jahre nach Projektstart – gebend die Tierzahlen mit 450 Kupferhälsen und je knapp 100 Grüenochte Geissen und Capra Sempione Grund zur Hoffnung, dass diese Rassen eine Zukunft haben werden.

Mission Generhaltung
Mit zunehmendem Bestand ist es nebst der Überwachung der Inzuchtwerte wichtig, das Monitoring auf die Gesamtgenetik auszuweiten. Dabei hilft der Wert der «genetischen Präsenz», der Auskunft darüber gibt, wie stark die Genetik der einzelnen Tiere in Form von lebenden Verwandten im Gesamtbestand vertreten ist. Ist der Wert eines Tieres tief, ist seine Genetik wenig vertreten und muss gefördert werden. Umgekehrt gibt es Tiere mit überdurchschnittlich vielen lebenden Verwandten. Hier versucht man zu bremsen, zum Beispiel indem weniger Böcke aus dieser Genetik vermittelt werden. Weil sich die Werte durch Ab- und Zugänge durchs Zuchtjahr verändern, ist die Erstellung der Listen mit seltenen und stark verbreiteten Tieren eine regelmässige Aufgabe der Projektleitung.

2013: Die Renaissance der grauen und reinweissen Walliser Ziegen
Das Projekt für die Kupferhalsziegen rückte eine in Vergessenheit geratene, hoch gefährdete und quasi unbekannte Walliser Ziege ins Rampenlicht. Jahrzehntelang kannte man nur die Schwarzhalsziegen, nun aber waren die «anderen Walliser Ziegen» in aller Munde. Und plötzlich sprach man auch von den grauen und reinweissen Walliser Ziegen, die es ja eigentlich auch noch gegeben hatte. Und mehr noch: Es gab auch von ihnen noch lebende Vertreter. Sofort öffnete ProSpecieRara auch für diese Tiere das Zuchtbuch und erfasst seit 2013 alle lebenden Tiere unter den Namen Grüenochte Geiss (für die Tiere mit grauen Hälsen) und Capra Sempione (für reinweisse Tiere).

ProSpecieRara betrachtet die vier verschiedenen Walliser Ziegen als einzelne Rassen. Alle vier Walliser Ziegen müssen als gefährdet eingestuft werden. Jede*r neue Züchter*in ist wichtig und willkommen und wir hoffen, dass sich der Gesamtbestand weiterhin positiv entwickelt.

2020: Die Rassen werden «offiziell» und ein Verein wird gegründet
Für eine Rasse mit Schweizer Ursprung ist es wichtig, offiziell als «Schweizer Rassen» anerkannt zu sein. Das hilft bei der Wahrnehmung der Rasse in der Öffentlichkeit und in der Züchterschaft und schafft zudem auch die rechtliche Grundlage, dass Förderprojekte beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) eingereicht werden können. Es war darum ein Meilenstein, als die drei Gesuche für die drei Rassen, die ProSpecieRara 2020 ans BLW einreichte, von diesem positiv beantwortet wurden und die Kupferhalsziegen, die Grüenochte Geissen und die Capra Sempione fortan als Schweizer Rassen gelten und damit als offizielle Teile der tiergenetischen Resourcen der Schweiz.

Das war auch für die weitere Zuchtorganisation wichtig, denn weil die Walliser Schwarzhalsziegen bereits im Zuchtbuch des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes (SZZV) geführt wurden, war der nächste Schritt, die drei weiteren Walliserziegen in dieses Zuchtbuch zu überführen. Für die Verhandlungen mit dem SZZV war der Status als Schweizer Rasse eine wichtige Grundlage und mit ein Grund dafür, dass der Zuchtbuchwechsel 2021 erfolgen konnte.

Es gehört zur Strategie von ProSpecieRara, für die Rassen Rassevereine ins Leben zu rufen. Dies ist am Dienstag, 30.6.2020 nun auch für die drei Rassen Kupferhalsziege, Capra Sempione und Grüenochte Geiss gelungen. Im Bernischen Ersigen kam der designierte Vorstand zusammen und gründete den «Züchterverein der Capra Sempione, Kupferhalsziege und Grüenochte Geiss (ZCKG)». Vorausgegangen war ein Workshop zu dem allen Züchterinnen und Züchter eingeladen wurden. Aus diesem heraus formierte sich eine 9-köpfige Arbeitsgruppe, die in mehreren Treffen alle für die Vereinsgründung notwendigen Dokumente erarbeitete und die Weichen für die weitere Zucht der drei Rassen stellte.

Der neue Verein wurde auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit dem SZZV gegründet, um die Anliegen der Züchterschaft innerhalb des SZZV vertreten zu können. Und wie es sich für einen zeitgemässen Verein gehört, wurde auch eine ansprechende Homepage geschaffen. Unter www.zckg.ch können Interessierte ab sofort Informationen rund um die drei Rassen abrufen.

2021 Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Ziegenzuchtverband
Seit Frühling 2021 führt der SZZV das Zuchtbuch für alle vier Walliser Ziegenrassen, die fortan als eigenständige Rassen separat gezüchtet werden. ProSpecieRara begleitet das Projekt und den noch jungen Verein aktiv weiter auch als Teil des Vorstandes.

Steckbrief

Erhaltungsprojekt
2006

Rettung und Erhaltung der Kupferhalsziegen, der Grünochte Geissen und der Capra Sempione zusammen mit Ziegenhalter*innen im und ausserhalb des Wallis.

ProSpecieRara kann dieses Projekt dank Spendengeldern durchführen

Das Projekt hat die bisher unbekannten kupferfarbigen, grauen und reinweissen Walliser Ziegen wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgebracht. Deren Bestände wachsen seit Projektstart stetig an und werden in einem zentralen Zuchtbuch erfasst.

Philippe Ammann
Stv. Geschäftsführer, Bereichsleiter Tiere und Vermarktung