Erhaltung der Walliser Ziegen

2006 stiess ProSpecieRara auf eine Walliser Schwarzhalsziege, deren vordere Körperhälfte kupferrot anstatt schwarz war. Die Vermutung lag nahe, dass es sich dabei um einen uralten Schlag der Walliser Rasse handelt. Und so lancierten wir umgehend ein Rettungsprojekt.

In Kürze
Die bekannte Walliser Schwarzhalsziege gab es auch in kupferbraun, grau und reinweiss – historische Bilder belegen dies. Der sprichwörtlichen Walliser Sturheit ist es wohl zu verdanken, dass einzelne Tiere dieser Färbung überlebt haben, obwohl sie vor über 100 Jahren bei der Einführung des offiziellen Zuchtbuches nicht berücksichtigt wurden.

ProSpecieRara startete deshalb 2006 das Rettungsprojekt zur Erhaltung der Walliser Ziegenvielfalt. Im Rahmen dieses Projektes wurde auch eine Genanalyse durchgeführt, die zum Schluss kam, dass die kupferrote Farbe sehr wohl etwas Eigenständiges ist und nicht etwa durch Einkreuzung mit anderen Rassen zustande kam.

Heute sind die Walliser Ziegen noch immer die seltensten Schweizer Ziegenrassen; sie haben aber inzwischen Liebhaber*innen und Halter*innen in der ganzen Schweiz.

Helfen Sie mit! Melden Sie uns, wenn Sie Kupferhalsziegen sehen oder Kenntnisse über Adressen von Ziegenhalter*innen haben, die kupferfarbige, graue oder reinweisse Tiere besitzen. Jeder Hinweis ist wertvoll!

Unterstützen Sie die Rettung der Kupferhalsziegen mit einer Spende. ProSpecieRara hat dafür ein Konto eingerichtet:
PC 90-1480-3 Vermerk: «Kupferhalsziege». Herzlichen Dank!

Projektstart 2006
ProSpecieRara wurde 2006 durch einen Hinweis eines engagierten Ziegenzüchters im Berner Oberland auf die Kupferhalsziege aufmerksam. Recherchen in historischen Büchern und Auskünfte von alten Züchtern ergaben, dass es schon immer Kupferhalsziegen in Beständen von Walliser Schwarzhalsziegen gab. Ziegen also, die anstelle der schwarzen Vorderhälfte eine helle Kupferfarbe aufweisen. Da diese zahlenmässig wohl immer schon seltener waren und sich die Züchter*innen im Wallis vor allem auf die Zucht der Schwarzhalsziege konzentrierten, wurden die Kupferhälse bei der Einführung des offiziellen Zuchtbuchs vor über 100 Jahren nicht berücksichtigt, erhielten dadurch auch keinen Rassestandard und waren damit faktisch nicht mehr förderungswürdig resp. wurden fortan als inexistent behandelt. Kupferfarbige Tiere, die immer mal wieder geboren wurden, galten als fehlerhaft und landeten meist als Gitzi auf der Schlachtbank.

2006 hielten darum nur noch wenige Züchter*innen Kupferhälse, losgelöst vom offiziellen Zuchtgeschehen. Sei es, weil sie die Tiere noch von früher her kannten oder einfach deshalb, weil ihnen die attraktiven Ziegen gefielen. Dank diesen wenigen Menschen konnte ProSpecieRara bis im Frühjahr 2007 28 lebende Tiere ausfindig machen. Sie waren die Grundlage für ein ambitioniertes Rettungsprojekt.

Der Wiederaufbau beginnt
Mit so wenigen Tieren ein Rettungsprojekt zu starten, stellte alle Beteiligten vor grosse Aufgaben und setzte vor allem voraus, dass alle Betriebe eng  zusammenarbeiteten. Denn nur durch ein gezieltes Zuchtprogramm lassen sich Inzuchtprobleme und der Verlust von Genetik verhindern. 6,25% ist ein Wert, der dabei eine zentrale Rolle spielt: Diesen Wert soll die Inzucht nicht überschreiten. Diese Regel stellt sicher, dass nicht zu eng verwandte Tiere miteinander verpaart werden, denn dies kann einerseits zu Jungtieren führen, die Missbildungen oder Erbkrankheiten zeigen, vor allem aber führt es zu einer Verarmung der Genetik. Damit die Inzucht auf tiefem Niveau gehalten werden kann, müssen alle geplanten Paarungen mithilfe des ProSpecieRara-Zuchtbuchprogramms vorgängig berechnet werden. Kommen zu hohe Werte heraus, ist von der Paarung abzusehen und ein alternativer Bock zu suchen. In den vergangenen Projektjahren haben die Züchter*innen diesbezüglich gut zusammengearbeitet und Anfang 2013 – sieben Jahre nach Projektstart – konnten bereits wieder 180 Tiere im Zuchtbuch gezählt werden.

Mission Generhaltung
Mit zunehmendem Bestand ist es nebst der Überwachung der Inzuchtwerte wichtig, das Monitoring auf die Gesamtgenetik auszuweiten. Dabei hilft der Wert der «genetischen Präsenz», der Auskunft darüber gibt, wie stark die Genetik der einzelnen Tiere in Form von lebenden Verwandten im Gesamtbestand vertreten ist. Ist der Wert eines Tieres tief, ist seine Genetik wenig vertreten und muss gefördert werden. Umgekehrt gibt es Tiere mit überdurchschnittlich vielen lebenden Verwandten. Hier versucht man zu bremsen, zum Beispiel indem weniger Böcke aus dieser Genetik vermittelt werden. Weil sich die Werte durch Ab- und Zugänge durchs Zuchtjahr verändern, ist die Erstellung der Listen mit seltenen und stark verbreiteten Tieren eine regelmässige Aufgabe der Projektleitung.

Wissenschaftliche Untersuchung der Kupferfarbe
ProSpecieRara war von Beginn an überzeugt, durch die Rettung der Kupferhalsziegen wertvolle genetische Eigenschaften zu erhalten. Dank der Hilfe des Instituts für Genetik des Tierspitals Bern konnte 2014 dem Phänomen der offensichtlichsten Eigenart – der Kupferfarbe – wissenschaftlich auf den Grund gegangen werden. Nach vielen Blutproben und einer genetischen Analyse im Labor stand fest, dass die Gene für die Kupferfarbe einzigartig sind. Damit wurden nicht nur Einwände entkräftet, dass es sich bei den Kupferhalsziegen um Mischlinge von anderen Ziegenrassen handle, sondern die Daten der Wissenschaftler*innen halfen auch, die Farbvererbung besser zu verstehen.

2013: Die Renaissance der grauen und reinweissen Walliser Ziegen
Das Projekt für die Kupferhalsziegen rückte eine in Vergessenheit geratene, hoch gefährdete und quasi unbekannte Walliser Ziege ins Rampenlicht. Jahrzehntelang kannte man nur die Schwarzhalsziegen, nun aber waren die «anderen Walliser Ziegen» in aller Munde. Und plötzlich sprach man auch von den grauen und reinweissen Walliser Ziegen, die es ja eigentlich auch noch gegeben hatte. Und mehr noch: Es gab auch von ihnen noch lebende Vertreter. Sofort öffnete ProSpecieRara auch für diese Tiere das Zuchtbuch und erfasst seit 2013 alle lebenden Tiere unter den Namen Grüenochte Geiss (für die Tiere mit grauen Hälsen) und Capra Sempione (für reinweisse Tiere).

ProSpecieRara betrachtet die vier verschiedenen Walliser Ziegen als eine Gruppe. Für die Kupferhalsziegen, die Grüenochte Geissen und die Capra Sempione führt die Stiftung das Zuchtbuch, registriert alle Ziegenhalter*innen und koordiniert die Erhaltungszucht. Das Zuchtbuch für die Schwarzhalsziegen wird seit Beginn an vom Schweizerischen Ziegenzuchtverband geführt.

Alle vier Walliser Ziegen müssen als gefährdet eingestuft werden. Jede*r neue Züchter*in ist wichtig und willkommen und wir hoffen, dass sich der Gesamtbestand weiterhin positiv entwickelt.

    Steckbrief

    Erhaltungsprojekt
    2006

    Rettung und Erhaltung der Kupferhalsziegen, der Grünochte Geissen und der Capra Sempione zusammen mit Ziegenhalter*innen im und ausserhalb des Wallis.

    ProSpecieRara kann dieses Projekt dank Spendengeldern durchführen

    Das Projekt hat die bisher unbekannten kupferfarbigen, grauen und reinweissen Walliser Ziegen wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgebracht. Deren Bestände wachsen seit Projektstart stetig an und werden in einem zentralen Zuchtbuch erfasst.

    Philippe Ammann
    Stv. Geschäftsführer, Bereichsleiter Tiere und Vermarktung