Rettung der Saaser Mutten

Seit Generationen wird im Saastal und im Simplongebiet mit einem speziellen Bergschaf gearbeitet. Der Bestand dieses langohrigen Schafes schrumpfe in den letzten 15 Jahren vor Projektbeginn um rund 75%.

Eine Gruppe ProSpecieRara langohrige Schafe der Rasse Saaser Mutten schauen in die Kamera

Rettung der Saaser Mutten

Eine Gruppe der letzten ca. 400 Saaser Mutten im Sommer 2014 unterhalb Saas-Balen.

Probelauf mit Sendehalsbänder. Saaser Mutten am Schäferfest Juli 2015 in Saas-Grund.

Die Schäfer Herbert (l.) und Adelbert Zurbriggen (r.) montieren am 8.11.2016 zusammen mit Philippe Ammann von ProSpecieRara eine Willkommenstafel unterhalb Saas Balen.

Die Saaser Mutten werden durch die Projektaktivitäten wieder zum Thema im Saastal und auch der Tourismus beginnt, das Thema aufzunehmen.

Alpabzug der Saaser Mutten unterhalb des Mattmarkstaudamms im September 2016.

Tierärztin Joëlle Dietrich nimmt in Saas-Grund zusammen mit Schäfer Herbert Zurbriggen einem gescheckten Widder Blut.

René Kalbermatten und Herbert Zurbriggen kontrollieren am Schäferfest in Saas-Grund Ohrmarkennummern um das Inventar zu prüfen.

Philippe Ammann erfährt von Erna Andenmatten historische Informationen über die Saaser Mutten. Ernas Vater war ein passionierter Schafzüchter und Ernas Mutter Schafhirtin in Saas-Amagell.

Historische Belege für die Zucht von bergamaskerartigen Schafen im Saastal. Florin Andenmatten in den 1970er Jahren.

Die Vermittlung von Zuchttieren an neue Betriebe ist ein zentrales Element des Projekts um die bedrohte Genetik der Saaser Mutten wieder breiter abzusichern.

Die Saaser Muten wurden über Generationen ohne einen offiziellen Rassestandard gezüchtet, der die Eigenschaften der Rasse festhält. ProSpecieRara erfasst darum von Beginn an Eigenschaften der Tiere.

Die Pflege und Information des Züchternetzwerks ist wichtig. Einmal im Jahr organisiert ProSpecieRara ein Informationstreffen wie hier in Saas-Grund.

In Kürze
Wenn eine Rasse nur in einem Gebiet vorkommt, die Jungen dort aber abwandern und dadurch die Schafhaltung insgesamt zurückgeht, dann sieht es schlecht aus für das Überleben der regionalen Rasse. So geschehen im Saastal. In diesem Walliser Südtal wird seit Generationen mit einem ganz speziellen Schlag des Bergamaskerschafes gearbeitet. Besonders stolz sind die Schäfer*innen auf die sehr langen Ohren ihrer Schafe und die im Gegensatz zu den reinweissen Bergamaskerschafen auch als «Spittini», also gefleckt vorkommenden Tiere.

In der Zeit vor 2013 ist der ursprüngliche Bestand dieser Schafe um rund 75% gesunken. 2013 hat ProSpecieRara deshalb das Erhaltungsprojekt für die «Saaser Mutten» gestartet. Seither wurde einerseits ein Tierinventar erstellt, auf die Rasse aufmerksam gemacht, neue Züchter*innen gesucht und genetische Untersuchungen durchgeführt. Andererseits wurde aber auch versucht, die lokale Rarität als Tourismusmagnet zu etablieren.

Grosse, wenn auch tragische Bekanntheit, erlangten die Saaser Mutten als 2014 auf der Alp 103 Tiere (damals rund ein Viertel des Bestandes) gestohlen wurden.

Seit Projektstart konnte der Tierbestand vergrössert werden – sowohl im Saastal als auch ausserhalb.

Die Saaser Mutten gehören zu den Bergamaskerschafen, die ihren Ursprung in der Lombardei, nordöstlich von Bergamo haben und sich in den vergangenen Jahrhunderten über weite Teile Oberitaliens ausgebreitet haben. Das Oberwallis grenzt an die nördlichen Ausläufer des Verbreitungsgebiets des Bergamaskerschafes. Die Schäferei mit Bergamaskerschafen hat im Saastal Tradition und der lokale Typ dieses Schafes war hier lange Zeit vorherrschend.

Projektstart
Im Spätsommer 2013 musste befürchtet werden, dass die Bergamaskerschafe im Saastal verschwinden: Sowohl die Anzahl Tiere als auch die Anzahl Züchter*innen nahmen stark ab. Züchternachwuchs war kaum in Sicht. ProSpecieRara startete darum im August 2013 eine Analyse mit dem Ziel, den Status quo zu erfassen und abzuklären, was zu unternehmen ist, um den lokalen Saaser Schlag des Bergamaskerschafes zu erhalten.
Am 25. März 2014 trafen sich auf Einladung von ProSpecieRara und dem Landwirtschaftlichen Zentrum Visp 14 Züchter*innen (gut die Hälfte der noch aktiven Züchter*innen) in Saas-Grund zu einem ersten Informations- und Arbeitstreffen. Es wurde besprochen, wie der massive Rückgang des traditionellen Schafes gestoppt werden könnte.
Als Hommage an das letzte Refugium der Schafe, die einst im ganzen Simplongebiet vertreten waren und heute praktisch nur noch auf den Saaser Gemeindegebieten zu finden sind, beschlossen die Anwesenden, das Rettungsprojekt unter dem Namen «Saaser Mutten» zu führen («Mutten» ist Walliserdeutsch für «Schafe» und leitet sich vom französischen «mouton» ab).

Sommer 2014: Tierinventar läuft an
Als erster Projektschritt wurde beschlossen, dass alle Züchter*innen alle verfügbaren Daten der noch lebenden Tiere an ProSpecieRara melden, damit die Stiftung ein Zuchtbuch eröffnen kann. Dieses wird als Grundlage für die Erhaltungszucht mit möglichst tiefen Inzuchtwerten dienen. Für dieses Inventar stellt ProSpecieRara Erhebungsformulare zur Verfügung, die helfen, alle bekannten Daten anzugeben.

Herber Rückschlag an der Schafscheid
Am Samstag, 13. September 2014, fand in Saas-Almagell die jährliche Schafscheid statt, an der nach dem Alpsommer die Schafe wieder auf ihre Besitzer*innen aufgeteilt werden. Es fehlten 103 (!) Tiere.

Ein Lichtblick: Unzählige Medien berichteten über den Schafdiebstahl, wodurch sich viele Interessierte meldeten, die bei der Erhaltung der Rasse aktiv mitmachen wollten. ProSpecieRara sammelte alle Adressen. Herzlich willkommen sind vor allem auch Interessierte aus dem Saastal und Umgebung. Auch wegen der ungeklärten Lage der vermissten Schafe gab es zu jenem Zeitpunkt aber quasi keine Tiere zu verkaufen.

Dezember 2014: Verwandtschaftsanalyse gestartet
Im Dezember 2014 startete ProSpecieRara zusammen mit dem Tierspital Bern eine Verwandtschaftsanalyse, die helfen sollte, die Erhaltungszucht optimal zu planen.

Weniger Tiere als erhofft
Im Februar 2015 konnte ProSpecieRara erste Resultate der Tiererhebung vermelden. Nach der Verarbeitung der Meldungen von fast allen bekannten Betrieben bestätigen die Zahlen die Befürchtung, dass die einst grossen Bestände im Tal massiv eingebrochen sind:
Erfasster Tierbestand am 23.02.2015: 398 Tiere, davon 64 Widder (41 weisse und 23 farbige) und 334 Auen (212 weisse und 122 farbige)

Bessere Überwachung dank Satellitensender-Halsbändern
Um die Saaser Mutten während des Alpsommers besser überwachen zu können, wurde zusammen mit den Schafhalter*innen im Saastal abgeklärt, welche zusätzlichen Massnahmen umgesetzt werden können. Weil die verschiedenen Dörfer ihre Tiere auf verschiedenen Alpbereichen sömmern, konnte kein gemeinsames Behirtungssystem aufgezogen werden. Um dennoch besser kontrollieren zu können, wurde beschlossen, einzelne Leitschafe mit Satellitensendern auszustatten. Das Ziel dabei ist, bei Kontrollgängen die Tiere im Gelände einfacher zu finden und zudem schneller bei den Schafen zu sein, wenn Tiere z.B. bei schlechtem Wetter in heikle Gebiete unterwegs sind oder Tiere gestohlen werden. Dank eines Sponsors konnten im Juni 2015 die ersten sechs Schafe besendert werden.

Zweites Halbjahr 2015: die Resultate der Verwandschaftsanalyse liegen vor
Informationen zu den Resulaten der Verwandtschaftsanalyse finden Sie hier.

Von Seiten Zuchtbuch galt es, weiter am Ball zu bleiben, bislang noch nicht erfasste Tiere und natürlich die Lämmergeneration 2015 zu erfassen. Dazu gehört auch die Hilfe beim Vermitteln von Tieren an bestehende und neue Betriebe.

Erfasster Tierbestand am 05.01.2016: 445 Tiere, davon 73 Widder (45 weisse und 28 farbige) und 372 Auen (232 weisse und 140 farbige)

Juni 2016: neue Alpsaison
Nach der erfolgreichen Versuchsphase im Sommer 2015 mit sechs Sendehalsbändern konnten wir im Juni 2016 zehn weitere Halsbänder an die Schäfer*innen im Saastal übergeben. Ein Grossteil der Schafherden kann somit über die jeweiligen Leitschafe via Satellit resp. Internet-Kartenprogramm überwacht werden. Besonders erfreulich ist, dass Dank des einfacheren Auffindens der Schafe die Intervalle der Kontrollgänge zu den Schafen kürzer wurden. Da alle Betriebe, die ein Sendehalsband nützen, ihre Tiere ans ProSpecieRara-Zuchtbuch melden, profitiert die Absicherung der Verwandtschaftsdaten und das Monitoring der Bestände ebenfalls von der Besenderung der Tiere.

August 2016: Promiente Walliser Persönlichkeiten wertschätzen das Engagement für die Saaser Mutten
Es freut uns enorm, dass unser Rettungsprojekt für die Saaser Mutten von namhaften Walliser Persönlichkeiten Zuspruch erhält. Wer mit dabei ist und was die Prominenten zum Projekt sagen finden Sie hier: Allianz für die Saaser Mutten.

Erfasster Tierbestand am 24.08.2016: 547 Tiere, davon 108 Widder (56 weisse und 52 farbige) und 439 Auen (263 weisse und 176 farbige)

Saaser Mutten als Botschafter
Am 8. November 2016 konnte ein weiterer Meilenstein in der Öffentlichkeitsarbeit für die Saaser Mutten realisiert werden. Dank der Mithilfe des Saas-Grunder Gemeindepräsidenten Bruno Ruppen durften wir an einer der prominentesten Stellen an der Zufahrtstrasse unterhalb von Saas-Balen eine grosse Tafeln montieren, welche die Anreisenden auf die besonderen Schafe im Tal aufmerksam macht. Die Herstellung der Tafeln wurde von der Loterie Romande mitunterstützt. Allen, die mitgeholfen haben, ein grosses Dankeschön!

Projektstand August 2018
Das Rettungsprojekt für die Saaser Mutten wirkt stetig. Die Tierbestände nehmen kontinuierlich wieder zu, was auch auf die neu zum Projekt stossenden Schafhalter*innen nördlich der Alpen zurückzuführen ist. Die Saaser Schafthalter*innen erhalten mehr und mehr «Üsserschwyzer» Kolleg*innen, die mithelfen, die bedrohten Saaser Schafe zu fördern. Im August 2018 stammten die im ProSpecieRara-Herdebuch geführten Tiere von 23 Saaser Zücher*innen und von 35 Betrieben ausserhalb des Wallis. Erfreulich ist die gute Zusammenarbeit der Schäfer*innen. Der Austausch von Zuchttieren zwischen den Regionen funktioniert, was der Bewahrung der genetischen Breite und der Verhinderung von ungesunden Inzuchtraten zugute kommt. Da es unabdingbar ist, nur Widder und Auen, die möglichst wenig miteinander verwandt sind, zu paaren, gehören Inzuchtberechungen zu unseren regelmässigen Dienstleistungen für die Züchter*innen. Dass 2018 ein neuer, junger Züchter im Saastal mit der Zucht der Saaser Mutten begonnen hat, stimmt uns besonders zuversichtlich, denn Züchternachwuchs ist rar in der Heimat der Langohren.

Erfasster Tierbestand am 25.09.2018: 714 Tiere, davon131 Widder (55 weisse und 76 farbige) und 582 Auen (313 weisse und 270 farbige)

Steckbrief

Erhaltungsprojekt
2013

- Stopp des Rückgangs der Saaser Mutten und Wiederaufbau einer stabilen Population

- Bewahrung des mit den Saaser Schafen verbundenen Kulturgutes

Das Projekt wird mit Mitteln anderer Stiftungen und mit Spendengeldern finanziert.

Seit Projekstart nehmen die Tierzahlen wieder zu. Der Rückgang der Tierzahlen im Saastal konnte gestoppt werden und auch ausserhalb des Saastals steigen neue Betriebe in die Haltung und Zucht der Saaser Mutten ein.

Philippe Ammann
Stv. Geschäftsführer, Bereichsleiter Tiere und Vermarktung
Telefon +41 61 545 99 28