Was ist eine ProSpecieRara-Sorte?

Warum ist der Gravensteiner keine ProSpecieRara-Sorte, wohl aber die Black-Cherry-Tomate? Bevor eine Sorte in unser Erhaltungssystem aufgenommen wird, muss sie einige Kriterien erfüllen – sowohl auf Art- als auch auf Sorten-Ebene

In Kürze
Folgende Kriterien muss eine Sorte erfüllen, um als ProSpecieRara-Sorte zu gelten. Sie muss:

  • einer ProSpecieRara-Art angehören
  • samenfest sein (also keine Hybriden oder gentechnisch veränderte Organismen)
  • nicht mehr im Grosshandel erhältlich sein
  • in der Schweiz traditionellerweise angebaut und genutzt worden sein
  • oder einem Sortentyp entsprechen, der in der Schweiz traditionellerweise angebaut und genutzt wurde

Etwas ausführlicher

Auf Art-Ebene
Unsere Kulturpflanzen gehören verschiedenen botanischen Arten an, die alle durch einen eindeutigen lateinischen Namen bezeichnet werden. Bspw. Apfel = Malus domestica oder Tomate = Solanum lycopersicum.

Als erstes wird entschieden, ob die Art grundsätzlich ProSpecieRara-würdig ist oder nicht. Dass ein Apfel schon seit Römerzeiten eine traditionelle Kulturpflanze unserer Breitengrade ist, ist hinlänglich bekannt. Tomaten hingegen werden bei uns erst seit den 1920er-Jahren verbreiten angebaut. Da sie aber seit damals nicht mehr wegzudenken sind, wurden auch sie aufgenommen. Aus dem PDF auf dieser Seite wird ersichtlich, welche Arten wir als ProSpecieRara-würdig erachten.

Auf Sorten-Ebene
Innerhalb der Arten gibt es oft unzählige Sorten. So z.B. der ’Aargauer Herrenapfel’ oder die ’Herztomate Riehen’. Kann die zu beurteilende Sorte einer ProSpecieRara-Art zugewiesen werden, durchläuft sie ein Ablaufschema mit verschiedenen Ein- bzw. Ausschlusskriterien. Darunter z.B. Alter der Sorte, Herkunft, kulturhistorische Bedeutung in der Schweiz, Produktionsmenge, Samenfestigkeit etc. Das Ablaufschema finden Sie ebenfalls rechts als PDF.

Was bedeutet «ProSpecieRara-Sorte»?
Ist eine Sorte als ProSpecieRara-Sorte definiert, heisst das natürlich nicht, dass sie Eigentum der Stiftung ist. Auch muss sie im Verkauf nicht zwingend als ProSpecieRara-Sorte gekennzeichnet sein. Wir entscheiden lediglich:

  1. ob eine Sorte unter dem ProSpecieRara-Gütesiegel angeboten werden darf
  2. ob wir uns um deren Erhaltung bemühen

Es gibt auch Sorten, die alle Punkte für eine ProSpecieRara-Sorte erfüllen, deren Erhaltung sich aber schon Partnerorganisationen auf die Fahne geschrieben haben. Auch diese gelten als ProSpecieRara-Sorten, auch wenn die Erhaltung nicht direkt bei uns stattfindet.

Konkrete Sortenbeispiele

Weshalb ist der ’Gravensteiner’ keine ProSpecieRara-Sorte?
Der Gravensteiner entstand bereits Ende des 18. Jahrhunderts in Dänemark und ist bis heute ein beliebter Tafelapfel. Entsprechend wird er zurzeit noch auf rund 100 ha gewerbsmässig angebaut und ist deshalb nicht gefährdet. Allerdings geht die Anbaufläche kontinuierlich zurück. Fällt sie auf unter 38 ha (was 1% der gesamten Anbaufläche der Schweiz entsprich), wird er eine ProSpecieRara-Sorte.

So geschehen ist das vor Kurzem beim ’Glockenapfel’. Die Anbaufläche dieses noch in den 1980er-Jahren sehr verbreiteten Apfels ging rapide zurück. Heute ist er unter dem ProSpecieRara-Label jeweils von November bis Februar z.B. bei Coop erhältlich.

Black Cherry tönt nicht sehr schweizerisch...
Die Herkunft der ’Black Cherry’ ist nicht ganz klar. Auf jeden Fall handelt es sich um eine alte, samenfeste Sorte, die einem in alten Gartenkatalogen beschriebenen und bei uns verwendeten Sortentyp entspricht. Da sie zudem über ein besonderes Aroma verfügt, wurde sie als ProSpecieRara-würdig eingestuft.

Die ’Wädenswil 6’ soll überleben
Die ’Wädenswil 6’ wurde in den 1950er-Jahren an der Forschungsanstalt Wädenswil gezüchtet und hat sich als würzig-aromatische Erdbeere bewährt. Im Grosshandel ist sie heute als Frucht leider nicht mehr erhältlich, sie wurde von neueren Sorten verdrängt. Als Setzling ist sie jedoch noch relativ verbreitet erhältlich. Damit die ’Wädenswil 6’ auch weiterhin zumindest in den Hausgärten gedeihen kann, setzt sich ProSpecieRara für sie ein.

Nicht jeder UrDinkel ist eine ProSpecieRara-Sorte
Die Interessengemeinschaft Dinkel fördert mit der Marke UrDinkel alte Schweizer Dinkelsorten. Darunter auch die Sorte 'Ostro'. Sie kam bereits 1978 in den Handel und kann somit für eine Getreidesorte als alt bezeichnet werden. Da sie aber seit Einführung auf der Schweizer Liste der empfohlenen Getreidesorten steht und nie in akute Gefahr geriet, aus dem Handel zu verschwinden, wurde die Verbreitung im Handel als nicht selten erachtet. Anders ihre Elternsorte 'Oberkulmer Rotkorn', welche mit dem Einführungsjahr 1948 eine noch bedeutendere Tradition aufweist. Aufgrund der etwas schlechteren Standfestigkeit wurde sie mehr und mehr durch 'Ostro' zurückgedrängt. Ihr Verschwinden aus dem Handel wäre eine Frage der Zeit gewesen. So wurde die ’Oberkulmer Rotkorn’ unter den Schutz von ProSpecieRara gestellt, ’Ostro’ hingegen nicht. Da aber beide Sorten alte, nicht mit Weizen eingekreuzte Dinkel sind, anerkennt sie die IG Dinkel beide als UrDinkel-Sorten.

«Junge» Tellerhortensien mit kulturhistorischer Bedeutung
An der Forschungsanstalt Agroscope Wädenswil wurden von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre zahlreiche Tellerhortensien gezüchtet. Die «Vogel-Serie» ist bekannt für ihre wunderschönen Sorten, die nach Vögeln benannt sind. Die jüngeren darunter sind zwar nicht so alt wie andere traditionelle Zierpflanzen, die ganze «Vogel-Serie» steht aber für ein Stück Schweizer Züchtungsgeschichte und stellt somit ein wichtiges, erhaltenswertes Schweizer Kulturgut dar. In diesem Sinne sind Hortensien wie 'Bachstelze', 'Bergfink', 'Blaumeise' und die über 20 weiteren «Vogel-Sorten» ProSpecieRara-würdig.