Ziegen halten und züchten

Ziegen sind aufmerksame Tiere mit eigenem Kopf und ausgeprägter Rangordnung. Dies gilt es bei der Weide- und der Stallgestaltung zu berücksichtigen.

Als soziale Tiere suchen Ziegen die Gesellschaft ihrer Artgenossen. Sie bilden Rangordnungen und gehen auch mal ruppig miteinander um. Auf der Weide verteilen sich Ziegen im Gegensatz zu Schafen stärker und bilden kleine Untergruppen.

Ziegen klettern gerne und bevorzugen zum Ruhen erhöhte Plätze, die auch als Rückzugsorte bei Streitereien dienen. Sowohl die Weiden als auch der Stall können deshalb nie zu fest strukturiert und mit Sichtschutz z.B. in Form von aufgespannten Blachen unterteilt sein. Jedoch sollte man enge Sackgassen, aus denen schwächere Tiere nicht flüchten können, verhindern. Bewährt haben sich «Ziegenregale», in die sich die Tiere zurückziehen können und wo sie dank der geringen Höhe von ca. 60 cm vor Angriffen gefeit sind.

Wahre Gourmets
Ziegen sind selektive Fresser, die Kräuter, Blätter und Rinden bevorzugen. Sollen Bäume auf Ziegenweiden überleben, müssen sie ausreichend gesichert werden. Wer hier mit Schutz geizt, hat im nächsten Herbst keine Äpfel mehr zu ernten. Als Faustregel für den Platzbedarf gelten 15 Aren (1500 m2) pro Tier. Dies reicht für die Sommerweiden und für das Heu im Winter.

Ziegen müssen bei Stallhaltung permanent Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, bei Weidehaltung mindestens zweimal täglich. Lecksteine oder Mineralstoffzugaben helfen den Tieren, ihren Mineralstoffbedarf zu decken. Ziegenfreunde bringen ihren Tieren regelmässig Äste von ungiftigen Büschen, Laubbäumen oder Rot- bzw. Weisstannen und versorgen sie damit mit zusätzlichen, gesunden Inhaltsstoffen.

Eingezäunte Ausbrecherköniginnen
Ziegen sind Ausbruchskünstlerinnen! Wer Frieden mit seinen Nachbarn will, ist deshalb gut beraten, seine Weiden sicher zu umzäunen. Wie bei den Schafen gilt auch hier: wenn elektrisch sichern, dann mit starken Geräten. Zwar ist es nicht schön anzusehen, wie Jungtiere ihre ersten Erfahrungen mit Elektrozäunen sammeln, aber mit wenigen, heftigen «Grenzerfahrungen» lernen die Ziegen, den Zaun zu respektieren, was für Tier und Mensch längerfristig weniger Stress bedeutet. Die Zäune müssen straff gespannt und frei von nachwachsendem Gras gehalten sein, damit der Strom nicht abgeleitet wird und Unfälle mit Nutz- und Wildtieren verhindert werden. Die Eckpfosten von Weidenetze sind in den Ecken nach aussen zu spannen. Feste Knotengitterzäune sollten mindestens 1.20 m hoch sein.

Die Hornklauen der Ziegen sind für das steinige Bergleben konzipiert. Ausserhalb von felsigen Gebieten werden sie meist zu wenig stark abgenutzt. Ein regelmässiger Schnitt der Klauen gehört daher zur Grundversorgung von Ziegen. Sorgt man für raue Flächen, z.B. vor dem Stall oder an Klettereinrichtungen (z.B. mit Gartenbetonplatten, die mit der rauhen Seiten nach oben verlegt werden), kann das Schneideintervall verlängert werden. Neben der Klauenpflege gehört die Bekämpfung von inneren und äusseren Parasiten zu den regelmässigen Pflegemassnahmen. Sehr ratsam ist, vor der Behandlung mittels Kotproben die effektive Parasitenbelastung abzuklären, damit die richtigen Medikamente gewählt werden können. Die Dosierungen sind unbedingt einzuhalten, da zu geringe Dosierungen die Bildung von Resistenzen zur Folge haben können.

Ziegenhalter müssen mit ihrem Betrieb bei der Tierverkehrsdatenbank (TVD) registriert sein und sind verpflichtet, gegenüber den Behörden verschiedenste Daten zu melden. Mehr Informationen dazu erteilen die kommunalen und kantonalen Landwirtschaftsämter und www.agate.ch.

Wer mehr als 10 Ziegen halten möchte und über keine landwirtschaftliche Ausbildung verfügt, ist verpflichtet, den entsprechenden Sachkundenachweiskurs (SKN) zu absolvieren.

Zucht
Zuchttiere müssen körperlich gesund sein und rassetypische Merkmale aufweisen. Um bei letzterem sicher zu sein, sollten Sie nur mit rassereinen Tieren züchten, die in einem Zuchtbuch erfasst sind und einen Abstammungsausweis haben. Nur so kann auch die Inzucht berechnet werden.

Züchten Sie nur mit gut genährten und entwurmten weiblichen Tieren, damit diese genügend körperliche Reserven haben für die Trächtigkeit.

Achten Sie bei der Wahl Ihrer Zuchttiere darauf, dass genetisch wenig vertretene Individuen gefördert und Tiere mit einer höheren genetischen Präsenz zurückhaltend eingesetzt werden. Auf diese Weise helfen Sie mit, den Genpool der gesamten Population breit zu halten.

Hausziegen sind normalerweise saisonal, das bedeutet, dass die Geissen im Herbst, wenn die Tage kürzer und die Witterung kühler wird, fruchtbar werden. Geissen sind dann ca. alle 21 Tage für 1-2 Tage fruchtbar und die Trächtigkeit dauert 5 Monate.

Die Bockhaltung ist für die Erhaltungszucht enorm wichtig. Nur mit vielen verschiedenen Zuchtböcken, kann der Genpool einer Rasse lebend erhalten bleiben (siehe auch effektive Populationsgrösse). Ziegenböcklein können bereits mit ca. 4 Monaten geschlechtsreif werden. Sie produzieren in der Paarungszeit mit Drüsen am Hornansatz einen intensiven Geruch, der noch verstärkt wird, indem sich die Böcke selbst mit Urin bespritzen. Das führt dazu, dass bei den Ziegen deutlich weniger Züchter*innen männliche Zuchttiere halten, als z.B. bei den Schafen. Wer sich also mit dem saisonalen Geruch der Böcke arrangieren kann, leistet einen enorm wertvollen Beitrag an die Erhaltungszucht!

Ziegenböcke sollte man – auch als Jungtiere – nicht am Kopf streicheln oder kraulen, da dies mit dazu führen kann, dass erwachsene Tiere aggressiv werden. Bei richtigem Umgang können Ziegenböcke gut frei in der Herde gehalten werden. Sie benehmen sich in der Regel gegenüber den Ziegen und den Jungtieren nicht anders als eine dominante Ziege. Stallabteile für Ziegenböcke sind sehr stabil zu bauen und sollten es den Böcken erlauben, Sichtkontakt mit anderen Tieren aufzunehmen.

Oft werden Geissen, zum Werfen in eigene Stallabteile gebracht, was dem natürlichen Verhalten der Muttertiere, sich zum Gebären von der Herde abzusetzen, entgegenkommt und die Betreuung und Überwachung der Tiere erleichtert. Wichtig ist auch hier, dass der Sichtkontakt zu den Artgenossen vom eigenen Stallabteil aus erhalten bleibt. Kommen Gitzi auf der Weide zur Welt, ist genügend Schutz vor Raubtieren wie dem Fuchs sicherzustellen.

Laktierende (milchgebende) Muttertiere müssen jederzeit Zugang zu frischem Wasser haben, da die Laktation ihrem Körper sehr viel Flüssigkeit abverlangt.

Gitzi sind von Gesetzes wegen vom Tierhalter mit offiziellen TVD-Ohrmarken zu markieren und ab 1.1.2020 der TVD zu melden (bis dahin dem Zuchtbuch des Vereins). Wenige Tage alte Gitzi mit Ohrmarken zu versehen ist sicher keine tolle Sache, es ist jedoch unumgänglich, um die Übersicht über die Abstammung zu behalten. Die durch die Ohrmarken verursachten Löcher in den Ohren heilen bei jungen Gitzi meist reibungslos.

Weitere Informationen

Wenn Sie mit Ihrer Tierhaltung und -zucht Teil des Erhaltungsnetzwerks werden wollen, dann werden Sie am besten Mitglied im entsprechenden Rasseverein. Dieser bietet unter anderem auch Hilfestellung bei Fragen rund um die Haltung und Zucht der Tiere und kennt die Besonderheiten der entsprechenden Rassen. Die Kontakte zu den ProSpecieRara-Rassenvereinen finden Sie bei den Rasseporträts.

Viele gut aufgearbeitete Informationen über Ziegen und ihre Haltung finden Sie zudem auch unter www.ziege.ch.

Empfehleswerte Institutionen im Bereich der Tiergesundheit:
Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer
z'andere Labor für Ziegen und Schafe

Weiterführende Literatur

Empfehlenswerte Fachbücher zum Thema Ziegenhaltung finden Sie in unserem Shop.


Wissen

«Feed no Food» – Nutzen wir das Gras!

 

Landschaftspflege mit alten Landrassen

 

Inzucht

 

«Blutlinien»

 

Erhaltungszucht versus Leistungszucht

 

Generhaltung

 

Genetische Präsenz

 

Effektive Populationsgrösse